Reichensteuer?

Was passieren könnte, wenn die Österreicher wieder zu ihrer allseits herbeigesehnten Schillingwährung zurückkehren und plötzlich von Schengengrenzen umgeben sind. Die Reichensteuer würde trotzdem nicht eingeführt, auch wenn man eine bessere Bezeichnung für sie gefunden hätte.

"Doch keine Reichensteuer" steht als Überschrift über einem unscheinbaren einspaltigen Artikel. In Washington ist ein Streit um die Verringerung des Haushaltsdefizits entbrannt, steht dort zu lesen. Soll man den Spitzensteuersatz anheben (das wäre die "Reichensteuer"), oder die Benzinsteuer verdoppeln, wie das Repräsentantenhaus vorschlägt? Der Senat hat die Reichensteuer abgelehnt, nachdem schon der Präsident sein Veto angekündigt hat. Stattdessen greift man nun zu Kürzungen der Sozialleistungen, um Budgetlöcher zu stopfen.

Es ist wahr, dass die Reichensteuer nicht kommt. Das Veto des Präsidenten passt nicht ganz zu Obamas Linie. Auch das ist wahr, denn es ging um George Bush den Älteren. Der Zeitungsartikel ist 20 Jahre alt, er fand sich zufällig im Archiv. Man könnte ihn auch Déjà-vu nennen, denn in zwei Punkten ist er heute noch so aktuell wie damals: die Reichen trifft's nie. (Außer sie haben ihr Geld Herrn Madoff anvertraut, aber das gilt nicht, denn dadurch wurden sie ja nicht vom Finanzamt zur Kasse gebeten, sondern von der eigenen Gier, was dem kleinen Steuerzahler außer einer kurzen Schadenfreude nichts bringt). Zweiter Punkt: Die Sozialleistungen trifft's immer. Wer protestiert am lautesten, wenn man ihm etwas wegnimmt - oder wer muss gar nicht laut protestieren, weil auch sein Flüstern auf ein geneigtes Ohr trifft, der wird geschont.

Zum Stichwort "geneigtes Ohr" passt mein Traum der vorletzten Nacht: Österreich ist aus der EU ausgetreten. Unser "kotelettförmiges Land" (Copyright: Michael Schrott) sieht sich umgeben von Schengengrenzen. Endlich ist der Assistenzeinsatz des Bundesheeres gerechtfertigt, das wird den bewussten Kanzler freuen. Der aber ist inzwischen abgewählt: Das Kleinformat hat dem Politiker, der für den Austritt aus der EU war, zum Sieg verholfen. Nun werden wieder Schillingscheine gedruckt und Münzen geprägt. Wir hätten die alten aufheben sollen, denn jetzt könnten wir sie wieder brauchen. Nicht alle, genau genommen, denn man hat einigen Scheinen einen neuen patriotischen Look verpasst: Auf der größten Note ist Hans Dichand im Trachtenanzug abgebildet, neben ihm eine Frau im Dirndl, die einer verflossenen Präsidentschaftskandidatin ähnelt (wie war doch gleich ihr Name?). Das Trachtenpärchen ist von der Limonade zur Tausendschilling-Note aufgestiegen. Der Druck des neuen alten Geldes verschlingt enorme Summen, aber das Handelsbilanzdefizit ist durch den Ausstieg aus der EU derart gewachsen, dass selbst diese Kosten nicht mehr ins Gewicht fallen.

Verglichen mit der ersten Schillingzeit sind nun bei Reisen ins Ausland die Devisen leichter zu organisieren. Damals hatte man zuhause Kuverts mit übrig gebliebenen Franken, Lire, Drachmen, französischen Francs und D-Mark, die nach jedem Auslandaufenthalt fürs nächste Mal aufbewahrt wurden. Jetzt genügt der Euro für alle Reisen nach Europa, dem Österreich nun nicht mehr angehört. Der hilfreiche Umrechner von damals kann auch wieder verwendet werden, er geht auch andersherum.

Als ich in diesem Traum verzweifelt diesen Euro-Umrechner suche, wache ich auf, tappe durch die finstere Wohnung, in der Dutzende Lämpchen standby glühen. Im Schein der Herdanzeige sehe ich in der Geldbörse nach. Zu meiner großen Erleichterung enthält sie ausschließlich Euro-Scheine und Münzen. Aber vielleicht war es kein Traum und ich bin gerade auf Reisen, oder bin ich gar ausgewandert? Aus dem Land, in dem Hans Dichand im Trachtenanzug auf der 1000er-Banknote abgebildet ist? Und warum ist mir eigentlich dieser Traum zum Stichwort "geneigtes Ohr" eingefallen? Möchten Sie wissen, wer es wem geliehen hat? Schau in die "Krone"!