Purgatorio

Am 24. März 1976 übernahm in Argentinien, wie schon mehrmals in der Geschichte des Landes, das Militär die Macht im Staat. Der Putsch selbst verlief vergleichsweise friedlich. Die Armee-Führung unter General Jorge Rafael Videla hatte ihn angekündigt und die bestehende Regierung unter der Präsidentin Isabel Peron offen zum Rücktritt aufgefordert.

Sehr rasch setzte sich innerhalb der Junta freilich die rechtsextreme Fraktion durch. Sie wollte Argentinien nicht nur aus der fraglos bestehenden Krise heraus führen, sondern das Land bei der Gelegenheit von allem säubern, was den Streitern für Gott und Vaterland als "subversiv" galt. Und das waren keineswegs nur Guerilla-Trupps, die den Vorwand für den Staatsstreich abgegeben hatten. Als subversiv wurde praktisch alles verortet, was streng rechts-katholischen Auffassungen nicht entsprach. Die Zeit des "Staatsterrors" begann.

Dabei war die Militärregierung sehr auf ihre Reputation im Ausland bedacht, dem sie sich als Schutzwall gegen Bürgerkrieg und Anarchie in Argentinien präsentierte, etwa bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1978.

Suche nach Verschwundenen

So kam es zu einem spezifischen Phänomen: dem Verschwinden. Die Junta folterte und tötete ihre wirklichen oder vermeintlichen Gegner nicht einfach. Vielmehr verschwanden diese am Ende spurlos. Heute ist bekannt, dass große Zahlen von Leichen etwa von Flugzeugen ins offene Meer abgeworfen wurden, um sie los zu werden. Nach Schätzungen dürften bis zum Zusammenbruch des Regimes nach dem verlorenen Falkland-Krieg 1983 etwa 30.000 Menschen dem Staatsterror zum Opfer gefallen sein.

Einer von ihnen ist Simon Cardoso, über dessen zurück gelassene Ehefrau Emilia der Argentinier Tomas Eloy Martinez den Roman "Purgatorio" schrieb. Fegefeuer. Es ist wahrlich ein Fegefeuer, durch das die zu Beginn junge Witwe 30 Jahre lang geht. Nicht bloß der zu vermutende Tod ihres Mannes nach dreitägiger Folter macht ihr zu schaffen. An ihr und in ihr nagt vor allem die Unsicherheit, die Nachrichtenlosigkeit, die drei Jahrzahnte lang eine freilich leere Hoffnung nähren. Simon ist verschwunden, aber: Er könnte doch noch leben. Er könnte entkommen und irgendwohin geflüchtet sein. Er könnte, nach Folter und Haft traumatisiert, vielleicht sogar verstümmelt, im Verborgenen leben. Oder aber in einem fernen Ausland.

Hinweise aller Art

Die Suche nach ihrem verlorenen Mann führt Emilia nach Brasilien, nach Venezuela, Mexiko und bis nach Europa, zuletzt in die USA. Männer zufällig gleichen Namens geben ihr Hoffnung. Anonyme und persönliche Briefe langen bei ihr ein, Inhalt: Simon wurde da oder dort gesichtet.

Oft sind die Andeutungen unverblümt mit Geldforderungen verbunden, um weitere Informationen zu erlangen. Nachrichten dieser Art sortiert Emilia sehr bald systematisch aus. Doch es gibt auch ernst zu nehmende Hinweise: Simon liege mit einem akuten Herzinfarkt in der Intensivstation eines Krankenhauses in Caracas in Venezuela, erklärt ihr eine angebliche Krankenschwester dieses Spitals am Telefon. Emilia bricht noch am gleichen Tag auf. Monate später weiß sie, dass ein Spital mit dem angegebenen Namen in Caracas nicht existiert, und dass auch in keinem anderen Krankenhaus der Stadt ein Simon Cardoso mit Herzbeschwerden eingeliefert wurde.

Die Hoffnung bleibt

Tomas Eloy Martinez beschreibt den seelischen Leidensweg seiner Protagonistin trocken und nüchtern, und doch mit großer Sensibilität und Einfühlungskraft. Ihre Niederlagen und Depressionen, wenn einmal mehr eine vermeintliche Spur ins Nichts führte. Ihre wieder erwachende Energie, wenn sie meint, vielleicht doch den entscheidenden Hinweis erhalten zu haben. Ihren Rückfall in die Lethargie, wenn die Hoffnung sich als vergeblich erwies. Ihr Warten und Warten und Warten.

Emilia weiß, dass Simon nach allen objektiven Kriterien tot ist. In einem Gerichtsverfahren nach dem Ende des Regimes gegen den Kommandanten der fraglichen Militärwache bestätigen drei Zeugen unter Eid, die Leiche Simons im Hof des Gebäudes gesehen zu haben. Doch die Zeugen könnten sich doch geirrt haben: Wie können sie den Toten nach einem Schuss mitten ins Gesicht überhaupt sicher erkannt haben? Emilia sucht weiter, wartet weiter.

In den Fängen der Diktatur

Tomas Eloy Martinez handelt nebenher in nüchternem Ton die Verbrechen der Militär-Diktatur ab. Die schlichte Bereicherungsabsicht, die oft hinter den Verhaftungen und dem späteren Verschwinden der Verhafteten stand. Die enormen Vermögen, die Junta-Mitglieder und ihre Gefolge in jener Zeit anhäuften. Den schieren Raubzug, den sie durch das ganze Land führten, und dem der Staatsterror, die Verhaftungen und Morde in weit höherem Maß zuzuschreiben waren als tatsächlich regimefeindlichen Aktivitäten.

Man konnte aber auch rein zufällig in die Fänge dieser Todesmaschinerie geraten, und gerade Tomas Eloy Martinez' Verschwundener, Simon Cardoso, ist ein typisches Beispiel für einen solchen Fall.

Der unpolitische junge Kartograph war von seinem Arbeitgeber bloß in ein entlegenes Gebiet entsandt worden, um vor Ort Aufnahmen für Landkarten anzufertigen. Rein zufällig läuft er einer Militär-Patrouille über den Weg, die ihn verhaftet. Drei Tage später ist er tot, ermordet im Zuge eines brutalen Verhörs, bei dem er zu den lokalen Guerilla-Aktivitäten keine Angaben machen kann, weil er darüber schlicht und einfach nichts weiß.

Seine Frau Emilia wird 30 Jahre lang nach ihm suchen und zuletzt ihre Seele, ihr Ich weitgehend verloren haben. Es ist ein großer Roman, den der Argentinier Tomas Eloy Martinez geschrieben hat. Eine eindringliche Warnung vor Diktatur und Polizeiterror wie auch eine einfühlsame Studie über Menschen, denen durch einen entgleisten Staat ihr inneres Selbst geraubt wurde.

Service

Tomas Eloy Martinez, "Purgatorio", aus dem Spanischen übersetzt von Peter Schwaar, S. Fischer Verlag