Essays von Jorge Luis Borges

Wer von einem Schriftsteller etwas lernen will, ohne von ihm belehrt und mit seiner prätentiösen Klugheit belästigt zu werden, der muss nach wie vor den 1899 in Buenos Aires geborenen Schriftsteller Jorge Luis Borges lesen. In den nun vorliegenden Essays "Ein ewiger Traum" kann der Leser wieder jenes sprühende geistige Feuerwerk erleben, das diesen Autor weltberühmt gemacht hat.

Selbst Texte über James Joyce oder Franz Kafka, die es zu genüge gibt und deren Autoren irgendwann angefangen haben, einander langweiligerweise zu kopieren, sind bei Borges von einer bestechlichen Souveränität und Klarheit, dass das Lesen zu seiner Ursprünglichkeit zurückkehrt und zu einem ästhetischen Abenteuer wird. Immer wieder umpflügt er in den knappen Aufsätzen die Bedeutung des Wortes und menschlichen Lebens und notiert an einer Stelle:

Wenn uns schon der Gedanke belastet, dass vor zweitausendfünfhundert Jahren Menschen lebten, wie könnte uns dann das Wissen ungerührt lassen, dass sie Verse schrieben, Betrachter der Welt waren, dass sie in leichten, dauerhaften Worten etwas von ihrem gewichtigen, flüchtigen Leben geborgen haben, Worte, die ein langwieriges Schicksal erfüllen.

Irritierend und schön ist nicht nur sein oft ins Kabbalistische springende Denk- und Syntaxraum, überzeugend sind auch seine Urteile über schreibende Kollegen, wie etwa im Text über Ernst Jünger. Dieser vom Kampf und Krieg faszinierte Schriftsteller weise leider die bedauerliche Angewohntheit auf, beim Schreiben selbst auf militärische Knappheit zu verzichten. Und weiter: "Statt der Lakonie, die seine Doktrin und sein Thema verlangen, gefällt er sich in der eitlen Anhäufung sinnloser Metaphern". Dabei kommt Jünger, so Borges, auf kaum zu ertragende Wendungen wie "die Knochenfaust des Wahnsinns" oder "des Todes geballte Faust über den Wüsteneien", die kriegsverherrlichend sind, aber auch unter einem ästhetischen Gesichtspunkt nicht überzeugen.

Eine andere Dimension der Persönlichkeit

Borges war ein Visionär der inneren Landschaften, ein Landvermesser menschlicher Träume, denen man in diesem Buch nachspüren kann. Seine Vorstellung, dass es kein "einheitliches Ich" geben könne, beschreibt Borges in einem Text über "Die Nichtigkeit der Persönlichkeit". Als Begründung nennt er hierfür die Einzigartigkeit eines jeden Lebensumstands, der für sich genommen vollständig und genügend sei. Die Persönlichkeit, wie wir sie sonst gemeinhin zu denken gewohnt sind, bekommt bei ihm eine andere Dimension.

Auch das Gedächtnis wird immer wieder in diesen Essays Thema, mit ihm bleibt das Nachdenken über den Abschied und die Vergänglichkeit nicht aus. "Götzendiener des eigenen Ich" sind ihm dabei nicht gerade sympathisch und er sieht in den Dingen, die einen Anfang und ein Ende haben, nicht die beständige Welt. Er, der ein blinder Mensch war, notiert dazu:

Ich, zum Beispiel, bin nicht die visuelle Wirklichkeit, die meine Augen erfassen, denn wäre ich sie, würde jede Dunkelheit mich töten, und in mir bliebe nichts, um das Schauspiel der Welt zu ersehnen oder auch nur zu vergessen.

Für einen Menschen, der sein Augenlicht verloren hat, ist die geistige Welt so konkret wie für einen Sehenden ein Baum oder ein Tisch. Doch diese Argumentation wäre ihm selbst nicht vollständig und vielleicht sogar banal erschienen.

Innere Bilder erschaffen

Jorge Luis Borges hat unzählige poetische Wirklichkeiten erschaffen, unsere inneren Bilder geprägt und durch seine Sätze und seine Literatur ganze Generationen verändert. Es ist also mehr als natürlich, dass ihm die Anwendung von Erkenntnissen weitaus interessanter erschien als ihre bloße Behauptung. Diese Essays sind dafür der beste Beweis.

Man muss nicht für Buddha, Edgar Wallace, die Rätsel bei Shakespeare, Appolinaire oder Rimbauds Diktum "Man muss absolut modern sein" brennen, wenn man dieses Buch liest - denn all das kommt hier vor -, viel wichtiger ist es, sich diesem Autor auszusetzen, weil er es versteht, einen Leser in die inneren Geheimnisse seiner eigenen Persönlichkeit zu führen, ohne dass er um diesen Umstand beim Lesen gewusst hätte.

Service

Jorge Luis Borges, "Ein ewiger Traum. Essays", aus dem Spanischen und Englischen übersetzt von Gisbert Haefs, Hanser Verlag

Hanser - Ein ewiger Traum