Mit den Toten das Leben feiern

In Mexiko lässt man es zu Allerheiligen und Allerseelen ordentlich krachen: Picknicks auf Gräbern, laute Straßenumzüge mit klappernden Skeletten, Live-Musik, überall bunter Blumenschmuck und reichlich Speis und Trank begleiten die Tage der Toten.

"Monatelang spart man, um den Toten das Beste bieten zu können." Die Ethnologin und Mexiko-Kennerin Gitti Rattay über die aufwändigen Vorbereitungen.

Eine ausgelassene Feier zu Ehren der Verblichenen und eine Hommage an das Leben ist der Dia de Los Muertos, der Tag der Toten, in Mexiko. Wie offen, und sogar leidenschaftlich, die mexikanische Gesellschaft dem Gevatter begegnet, beschreibt der Schriftsteller und Diplomat Octavio Paz:

Der Mexikaner sucht, streichelt, foppt, feiert den Tod, schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug und seine treueste Geliebte. Vielleicht quält ihn ebenso die Angst vor ihm wie die anderen, aber er versteckt sich nicht vor ihm noch verheimlicht er ihn, sondern sieht ihm mit Geduld, Verachtung oder Ironie frei ins Gesicht.

Wunschkonzert und Lieblingsspeise

Wochenlang laufen die Vorbereitungen zu den mehrtägigen Feierlichkeiten Anfang November, die - so der Glaube - von den Seelen der Verblichenen besucht werden. Im Familienkreis wird ein Ofrenda genannter Altar aufgebaut, auf dem zu Lebzeiten geschätzte Gegenstände und Speisen dargereicht werden - noch bevor die Lebenden davon abbekommen. Wer es sich leisten kann, lädt eine Mariachi-Gruppe ein, um die Toten mit ihrer Lieblingsmusik willkommen zu heißen.

"Das ist witzig anzusehen, weil an der Tafel vielleicht zwei Dutzend Personen sitzen, die Musiker jedoch dem Altar zugewandt spielen", erzählt die Ethnologin und Mexiko-Kennerin Gitti Rattay, "es ist wie ein Wunschkonzert, wo das Lieblingslied etwa der verstorbenen Großmutter gespielt und dazu natürlich auch getanzt wird."

Gedenken an die Unbekannten

Gitti Rattay hat acht Jahre in Mexiko gelebt, um Heilpraktiken zu erlernen, die sie nun in Österreich vermittelt. Alljährlich hat sie auch die aus einer alten Tradition hervorgegangenen und dem Katholizismus angepassten Rituale zum Tag der Toten begleitet. Bei der privaten Feier, schildert Gitti Rattay, wird jede Speise - ob Fleisch, Gemüse, Tortillas oder Obst, alles in rauen Mengen und bester Qualität - einzeln den Toten gewidmet.

"Es werden auch Sachen auf den Altar gelegt für Mütter, die bei der Geburt gestorben sind, oder für Menschen, die bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind. Gedacht wird auch jener Menschen, an die sonst niemand denkt - und das bei privaten Familienfeiern."

Mexikanische Lebensfreude im morbiden Wien Die Lebendigkeit und Fröhlichkeit des mexikanischen Dia de los Muertos will Gitti Rattay nach Wien transportieren. Auch im WUK auf der Währingerstraße werden Altare aufgebaut, erzählt die Mitorganisatorin Helga Hiebl, und gewidmet ist das Programm diesmal der mexikanischen Malerin Frida Kahlo:

"Wir leben in einer Welt, wo viel gejammert wird, viel im Außen die Schuld gesucht wird für das eigene Glück oder Unglück", so Hiebl. "Frida Kahlo tat genau das Gegenteil. Sie hatte ein schweres Schicksal und musste viele Schmerzen ertragen, aber sie hat nie die Schuld bei wem anderen gesucht. Sie hat versucht, das Beste aus ihrer Situation zu machen, und immer Optimismus ausgestrahlt."

Frida Kahlo kommt auch

In der großen Frida-Kahlo-Ausstellung im Wiener Bankaustria Kunstforum laden Christoph Grissemann und Fritz Ostermayer zu einer Wort/Musik-Performance zum Dia de los Muertos. Der Musiker, Radiomacher und Trauermarsch-Sammler Fritz Ostermayer erinnert sich an Feldforschungen in Mexiko: "Der 1. November ist für jeden Trauermarsch- und Todes-Aficionado der Höhepunkt des Jahres. Da wird am Friedhof Kirtag gefeiert, die Männer liegen am Grab und trinken zwei Tage durch, die Kinder essen Totenschädel aus Schokolade und Skelette aus Kaugummi, die Mütter tratschen. Fehlen nur noch Ringelspiele und Schießbuden! Ein wunderbares Fest."

Von Mariachis eskortiert

Musik, bestätigt Gitti Rattay, spielt auch bei mexikanischen Bestattungen eine tragende Rolle: "Von der Kirche bis zum Friedhof wird der Sarg von Verwandten und Freunden getragen. Es gibt weder Totenträger noch Totengräber - das wird alles von der Familie und den Freunden gemacht. Während der Sarg getragen wird, spielen die Mariachis auf." Trauer gehört freilich dazu, auch wenn die Haltung der Menschen zum Tod eine andere als in Europa ist: Nicht als Endpunkt gilt der Tod in der mexikanischen Lebensphilosophie, sondern als Übergang, der zum Lebenszyklus dazugehört.

Bevor es zu spät ist

Dass jeder einmal gehen muss, besiegelt der Vertrag mit dem Tod, den man bei der Geburt - wenn auch ungefragt - schließt. Gerade in Wien, "dem Tod seiner Stadt", will Gitti Rattay diese Haltung vermitteln: "Wenn wir uns unserer Vergänglichkeit bewusst sind, bringen wir viel eher die Dinge weiter, die uns glücklich machen, die wirklich wichtig sind. Und nicht erst wenn ich in Pension bin, wenn die Kinder aus dem Haus sind, oder ich eine Gehaltserhöhung habe, sondern: jetzt. Denn ich weiß nicht, wie viele 'Morgen' mir noch bleiben."

Service

"Dia de los Muertos. Wort/Musik-Performance mit Christoph Grissemann und Fritz Ostermayer am 30. Oktober 2010, 19.30 Uhr, im Bank Austria Kunstforum, Freyung 8, 1010 Wien. Eintritt 15 Euro.

"Dia de los Muertos" am 1. November 2010, 15-20.00 Uhr, im WUK, Währingerstraße 59,1090 Wien. Eintritt frei.

Gitti Rattay
Bank Austria Kunstforum - Frida Kahlo