Nichts werden macht auch viel Arbeit

Was soll nur aus mir werden? Anne Köhler, Autorin von "Nichts werden macht auch viel Arbeit" hat sich diese Frage wohl öfter gestellt. Eine Antwort aber hat sie nur bedingt gefunden: Im Grunde hat sie einfach immer weiter gemacht - mit dem, was gerade zu tun war.

Ich teile meine Jobs heute in zwei Kategorien ein: Die Brotjobs. Die Herzensangelegenheiten. Meistens verdiene ich mit den zweiten deutlich weniger Geld, was die Ersteren (ja) erst nötig macht. Oft genug beschwere ich mich darüber. Ich beschwere mich darüber, weder Wochenenden noch ein festes Gehalt zu haben und nicht angemessen für meine endlich gefundene Profession, das Schreiben, bezahlt zu werden. Ich beschwere mich darüber aus finanziellen Gründen, irgendwelche Jobs annehmen zu müssen und deshalb keine Zeit für das eigentlich Wichtige zu haben.

Die Eroberung der Welt ...

Bis zu diesem Punkt, an dem die Profession endlich gefunden, ein erstes Buch geschrieben und verlegt ist, war es aber ein weiter Weg. Über zehn Jahre ist es her, dass Anne Köhler ihre Heimat, ein 250-Seelen-Dorf in Hessen, in Richtung Berlin verlässt, um die Welt "zu erobern". Wie ist ihr noch nicht klar: Vier Mal wechselt sie ihren Studiengang, muss Erfahrungen sammeln, Geld verdienen, und vor allem: Sicherheit gewinnen. Die Sicherheit, etwas wirklich und in aller Konsequenz zu wollen.

Um halb vier blickte ich in den Spiegel. Draußen war es zappenduster, die Glühbirne zersprungen, ich erkannte nur Schemen und war ganz froh. "Ich bin die Post-Frau", sagte ich in die Schatten hinein und versuchte, zuversichtlich und stolz zu klingen.

Früh aufstehen als Sortiererin bei der Post, wunde Füße als Kellnerin, Langeweile als Hilfswissenschaftlerin - mit der Zeit aber wurden die Jobs besser. Anne Köhler war Praktikantin, Archivdame, noch einmal Praktikantin, Küchenhilfe, und später Köchin. Jedes Mal versuchte sie, sich auf eine Weise mit ihrer neuen Rolle zu identifizieren, was einmal mehr, einmal weniger gut gelang.

Am Morgen meines ersten Arbeitstages zog ich mein schmuckes Sekretärinnen-Kostüm an und warf einen Blick in den Spiegel. "Auftrag ausgeführt, das Baby schläft", sagte ich und zwinkerte gekonnt. Meine Stimme klang verwegen und professionell. Ohne Probleme hätte ich in den sechziger Jahren im Vorzimmer eines zwielichtigen Detektives Platz nehmen können. Ich übte noch kurz meinen herablassenden, aber verschwiegenen Augenaufschlag und machte mich auf den Weg.

... in 21 Episoden

"Nichts werden macht auch viel Arbeit" berichtet in 21 Episoden von all diesen Nebenjobs. Das Buch erzählt von den Problemen, die sich ergeben, wenn keine vorgegebene Berufslaufbahn besteht, wenn nicht gesagt werden kann, "Ich studiere Medizin, ich werde Arzt!", sondern Äußerungen zur eigenen beruflichen Zukunft immer vage bleiben.

Wenn ich einen Job lapidar als "Nebenjob" bezeichne, der für den anderen der Hauptjob ist, stoße ich mitunter auf barsche Kritik. Dabei ist genau das ja mein Dilemma: Mit meinem Hauptjob (dem Schreiben) verdiene ich nicht genug –trotzdem kann alles andere nur ein Nebenjob bleiben, ein Brotjob.

Doch auch die Sache mit dem Schreiben gestaltet sich schwierig. Ideen müssen gefunden werden, Sätze wollen formuliert werden. Und irgendwie kommt ob der finanziellen Situation und den vielen geistig unterfordernden Jobs doch auch Frustration auf.

Um fünf Uhr morgens saß ich am Schreibtisch, um so richtig loszulegen, um auch ja keine Millisekunde der kostbaren Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen. Doch das weiße Papier war ungnädig. Es blieb blank - und illustrierte so neben dem kreativen Tief auch gleich höchst unsensibel meine Finanzlage.

Geduld statt Verzweiflung

Anne Köhler erzählt ihre Geschichte ohne Wut oder Verzweiflung, sie schafft es, rückblickend an all ihren Jobs etwas Gutes zu sehen. Stets findet sie etwas, das sie gelernt hat, das sie reifer gemacht hat. 21 kleine Teile reihen sich aneinander, die zusammen zwar noch kein Ganzes ergeben, aber ein Bild zeichnen. Das Bild eines jungen Menschen, der sich auf die Suche nach der eigenen Zukunft gemacht hat und erkennt, dass sich dabei einige Schwierigkeiten ergeben müssen.

Irgendwie hat sie es am Ende doch geschafft, hat ihr Buch geschrieben, auch und gerade weil sie aus finanziellen Gründen dazu gezwungen war, alle möglichen anderen Jobs zu machen.

Als ich das nächste Mal vor dem Spiegel stand und fragte: "Warum überhaupt schreiben?" - da zuckte mein Spiegelbild bloß mit den Schultern und sagte: "Na, warum eigentlich nicht."

"Nichts werden macht auch viel Arbeit" gibt Hoffnung. Dass all das Gerede von prekären Arbeitsverhältnissen und der "Generation Praktikum" die Vorteile dieser Lebensform vielleicht nur vergessen lässt. Auch klar wird allerdings, dass der Weg zum Traumjob hart und steinig sein kann. Und dass einiges an Geduld und Gelassenheit erforderlich ist, bis alle Arbeit von Erfolg gekrönt ist. Was gerade für junge Menschen eine Herausforderung darstellt.

Service

Anne Köhler, "Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs", DuMont Verlag

DuMont - Anne Köhler