Pakistan 2010

Ende Juli kam es in Pakistan als Folge eines außergewöhnlich starken Monsunregens zu katastrophalen Überschwemmungen. Die Wassermengen des Indus zerstörten zuerst Gebiete im Nordwesten Pakistans. Dann überschwemmte der Fluss die südlichen Provinzen. Eine Fläche so groß wie Großbritannien stand unter Wasser.

Ein Dorf, in dem nichts mehr lebt

Es beginnt mit einer Meldung in den Nachrichten. Eine Vorahnung schleicht sich ein. Man wird unruhig und wartet ab. Und dann kommt der Anruf. Dieses Mal erreicht mich die Katastrophenmeldung in Italien, mitten im Urlaub in den Bergen zwischen Comer See und Luganer See.

Es war ein gewitterfreier, sonniger Nachmittag, der den einstündigen Fußweg ins Tal zu Kiosk, Bar und Espresso vergnüglich machte. Die angenehm träge Stimmung eines hochsommerlichen Augusttages wurde jäh unterbrochen, als ich eine Meldung in der Süddeutschen Zeitung las: "13,8 Millionen Betroffene". Auf Seite 10 der Panorama-Nachrichten war die Rede von einer Flutkatastrophe in Pakistan, die immer größere Dimensionen annahm. Die Meldung war klein, doch die Zahlen waren enorm.

Regenfälle und Erdrutsche

Eine Grafik zeigte den Verlauf des Indus, der auf einer 1.500 Kilometer langen Strecke vom Norden des Landes in den Süden fließt. Zu den ersten überschwemmten Gebieten gehörte das Swat-Tal an der Grenze zu Afghanistan. Die Befürchtung war groß, dass sich die Lage in den betroffenen Gebieten in den kommenden Wochen noch verschlimmern würde, da die Monsunregenzeit erst begonnen hatte. Es müssten dringend Vorräte in die schwer zugänglichen betroffenen Gebiete geflogen werden, sagte ein UN-Koordinator für humanitäre Hilfe. Heftige Regenfälle und Erdrutsche würden die Rettungsarbeiten behindern.

Es war keine Meldung, die es auf die erste Seite geschafft hatte. Die Toten fehlten. 1.600. Das ist keine Zahl. Beim Erdbeben in Haiti waren es über 200.000. Breaking News sind viele Tote, aber nicht viele Betroffene, die das Unglück irgendwie überlebt haben. Man braucht Bilder des Schreckens. Zertrümmerte Städte, Leichenberge auf den Straßen, Hunger, Hass und Gewalt. Liefern die Medien dies, reagiert die Öffentlichkeit auf eine Katastrophe. Erst dann entsteht die Bereitschaft, zu spenden. Das haben mich meine internationalen Hilfseinsätze auf Kriegsschauplätzen und nach Umweltkatastrophen gelehrt.

"Ja, ich gehe"

Nicht jedes Opfer eignet sich als Opfer. Wir suchen es uns aus. Je besser sich die Betroffenheitsgeschichten an das schlechte Gewissen der satten Gesellschaft verkaufen lassen, desto mehr wird darüber berichtet und gespendet. Pakistan hat offenbar nicht ins Bild gepasst. Eine Überschwemmungskatastrophe in einem Land, das seit Jahren in der medialen Berichterstattung mit Terrorismus gleichgesetzt wird. Die falsche Katastrophe also im falschen Land?

Doch das Telefon hat geläutet, und die Frage kam aus Wien, ob ich Zeit hätte, nach Pakistan zu fliegen. Ich hatte Zeit. Ich war ja im Urlaub. Und drei Tage später in Islamabad. Die Phase zwischen dem "Ja, ich gehe" bis zum Abflug ist ein Ausnahmezustand. Visum beschaffen, Informationen einholen, Absprache mit den lokalen Partnern, Reiseapotheke sichern, Stromnetzadapter nicht vergessen, Moskitonetz suchen, Medienanfragen beantworten, Kopftücher einpacken, Satellitentelefon aufladen, bei Familie und Freunden abmelden, dünnen Innenschlafsack mitnehmen?

Und dann Ankunft in Islamabad um 3.15 Uhr in der Früh. Es sollte gleich in die nordwestliche Provinz Khyber gehen, um "assessments" durchzuführen, wie es in der Katastrophenhilfesprache heißt. Bedarfserhebungen, um zu erfahren, welche Hilfe am dringendsten benötigt wird. Das war der Plan. Doch zwischen Wien und Islamabad liegen neun Flugstunden. In dieser Zeit kann sich vieles ändern.