Ursprünge des Totalitarismus

Er konnte komplexe geschichtliche Zusammenhänge auf den Punkt bringen: Diese Fähigkeit hat Peter Drucker zu einem renommierten Management-Theoretiker und zum "Guru der Management-Gurus" gemacht. Sein Klassiker der Totalitarismustheorie ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Von Politik zur Wirtschaft

Geboren wurde er 1909 in Wien als Peter Drucker. In der ganzen Welt bekannt ist er allerdings als Peter Drucker, der "Mann, der das Management erfand", wie ihn die "New York Times" einmal nannte. Von den 1940er Jahren bis kurz vor seinem Tod im Jahr 2005 schrieb Peter Drucker zahlreiche Bücher zu verschiedenen Aspekten des Management, darunter Klassiker der Management-Literatur wie "The Effective Executive" oder "The Practice of Management".

Sein allererstes Buch, 1939 in London erschienen, war allerdings ein primär politisches. Es hieß "The End of Economic Man" und gilt im englischsprachigen Raum und auch in Japan seit langem als ein Klassiker der Totalitarismustheorie. Unter dem Titel "Ursprünge des Totalitarismus. Das Ende des Homo Oeconomicus" ist dieses Buch im Wiener Karolinger Verlag nun erstmals auch auf Deutsch erschienen.

Im Mai 1939, wenige Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, da war Winston Churchill noch kein Premierminister. Er war einfacher Abgeordneter im britischen Parlament und hatte Zeit, für Tages- und Wochenzeitungen Bücher zu besprechen. Eines der Bücher, das er dabei in "Times Literary Supplement" rezensierte, war "The End of Economic Man", dessen Autor er gleich zu Beginn lobte. "Mister Drucker", schrieb Churchill, "sei einer jener Autoren, denen man fast alles nachsieht, weil sie nicht nur einen eigenständigen Geist besitzen, sondern auch die Gabe, bei anderen Menschen geistvolle Gedankengänge in Bewegung zu setzen."

Zeitnahe Analyse

Was Churchill an Drucker besonders gefiel, war sein Versuch, eine Theorie des Totalitarismus zu formulieren und die ökonomischen und geistesgeschichtlichen Grundlagen der totalitären Systeme zu analysieren.

Peter Drucker schöpfte dabei auch aus eigener Erfahrung, denn, obwohl in Wien geboren und aufgewachsen, war er der Enge und Perspektivlosigkeit des Nachkriegsösterreichs gleich nach der Matura im Jahr 1927 entflohen und nach Deutschland gegangen. Zunächst nach Hamburg, dann nach Frankfurt, wo er als Journalist den Vormarsch und schließlich die Machtübernahme der Nationalsozialisten aus nächster Nähe miterlebte.

Ende von Freiheit und Gleichheit

In seinem Elternhaus hatte Drucker schon in jungen Jahren eine Art ökonomische Grundausbildung erfahren - immerhin gingen im Salon seiner Eltern Koryphäen der Wirtschaftstheorie wie Schumpeter, Hayek und Mises ein und aus. Das Interesse von Drucker selbst galt aber mehr der Geschichte und Geistesgeschichte, und so spannte er auch bei seiner Analyse des Totalitarismus einen entsprechend großen geistesgeschichtlichen Bogen:

Seit 2000 Jahren entwickeln sich alle Ordnungen und Weltanschauungen Europas aus dem Christentum heraus und hatten Freiheit und Gleichheit zum Ziel und die Verheißung eines möglichen Erreichens von Freiheit und Gleichheit als ihre Rechtfertigung. Die europäische Geschichte ist die Geschichte der Projektion dieser Anschauungen in die Wirklichkeit der gesellschaftlichen Existenz.

Viele Jahrhunderte lang wurden Freiheit und Gleichheit der Menschen zunächst ins Jenseits, in eine spirituelle und religiöse Sphäre projiziert. Mit Luthers Protestantismus entstand dann ein neues Bild des Menschen, der Gottes Wort mit seinem freien und gleichen Intellekt interpretierte.

Nach seinem Zusammenbruch wurden Freiheit und Gleichheit in die soziale Sphäre projiziert: Der Mensch wurde zuerst der politische und dann der ökonomische Mensch. Freiheit und Gleichheit wurden zur sozialen und wirtschaftlichen Freiheit und sozialen und wirtschaftlichen Gleichheit. Im Marxismus erreicht diese Anschauung der Welt und der Gesellschaft ihren Höhepunkt. Der Glaube an die Erreichbarkeit von Freiheit und Gleichheit in und durch die ökonomische Sphäre wird neu formuliert und auf das vollkommene Versagen des Kapitalismus in dieser Zielerreichung gegründet.

Doch der marxistische Sozialismus scheitert bei der Erfüllung dieses Versprechens der Freiheit und Gleichheit ebenso wie der Kapitalismus vor ihm - das ist die zentrale Erfahrung der Menschen in den 1920er und 1930er Jahren.

Negativierende Heilsversprechen

In dieses Vakuum, das auch die christlichen Kirchen mit ihrem Heilsversprechen nicht füllen können, stoßen Faschismus und Nationalsozialismus. Ihr Heilsversprechen ist kein positives, sondern besteht im Grunde nur aus der radikalen Negation des Vorhergegangenen und des Anderen.

Der Agitator, den ich vor einigen Jahren in einer ihm zujubelnden Bauernversammlung das Folgende proklamieren hörte, kam der Erklärung des Faschismus näher als irgendjemand, den ich seither gehört habe: "Wir wollen keine tieferen Brotpreise, wir wollen keine höheren Brotpreise, wir wollen keine unveränderten Brotpreise - wir wollen nationalsozialistische Brotpreise!"

Dort, wo rationale Ordnungen den Menschen kein menschenwürdiges und sinnvolles Dasein mehr ermöglichen, wenden sie sich wenig überraschend dem Irrationalen zu.

Die alten Ordnungen sind zusammengebrochen und auf den alten Grundfesten kann keine neue Ordnung zuwege gebracht werden. Die Alternative ist das Chaos und in der Hoffnungslosigkeit wenden sich die Massen an den Zauberer, der ihnen verspricht, das Unmögliche möglich zu machen. (...) Nicht trotz, sondern wegen seiner Widersprüche und Unmöglichkeiten wenden sich die Massen dem Faschismus zu. "Credo, quia absurdum." - "Ich glaube, weil es widersinnig ist." - diesen Ausruf eines Meisters, der die ganze Bitterkeit der tiefsten und schwärzesten Hoffnungslosigkeit kennengelernt hatte, hört man nach vielen Jahrhunderten zum ersten Mal wieder.

Macht als Selbstzweck

In Faschismus und Nationalsozialismus wird Macht zum Selbstzweck und als solcher glorifiziert. An die Stelle der alten Gesellschaftsordnung tritt Organisation in allen Lebens- und Arbeitsbereichen. Die Formen und Produktionsmethoden der Industriegesellschaft werden zwar beibehalten, Status, Rang und Funktion der Einzelnen in der Gesellschaft definieren sich aber nicht mehr über ihre Rolle im wirtschaftlichen Prozess.

Die Wirtschaft bildet nicht mehr die Grundlage und den Sinn der Gesellschaft; dieser kollektive Sinn wird in Faschismus und Nationalsozialismus pathetisch ins Irrationale überhöht. In dieser Ablösung des "Homo Oeconomicus" durch den "heroischen Menschen" sieht Drucker zugleich auch die besondere Anziehungskraft der totalitären Systeme.

Dass diese totalitären Systeme zwangsläufig auf Krieg hinauslaufen, das sah Drucker in seinem Buch ebenso voraus wie ihr zwangsläufiges Scheitern. Selbst dort, wo sie militärisch siegreich wären, würden sie letztlich doch nur ein Übergangsphänomen bleiben:

Ganz ähnlich den "totalitären" Perioden des 13. und 16. Jahrhunderts, als sich ebenfalls ein vollständiger Zusammenbruch der vorhergehenden europäischen Ordnung ereignete.

Drucker betont allerdings auch, dass totalitäre Versuchungen nur dann nachhaltig überwunden werden können, wenn es einer Gesellschaft gelingt, den Menschen Freiheit und Gleichheit zu garantieren und einen Sinn jenseits der rein ökonomischen Ordnung zu stiften.

Allgemeingültige Einsichten

Es sind allgemeingültige und gerade auch heute wieder aktuelle Einsichten wie diese, die aus Druckers Buch mehr machen als nur ein Zeitdokument. Nicht alles, was Drucker 1939 zu Papier brachte, hat den Test der Zeit bestanden. Dennoch beeindruckt, wie es ihm - noch mitten im Geschehen -gelungen ist, eine Art Gesamtschau zu entwerfen und sehr klar auch die psychologische Dynamik und die Erfolgsfaktoren der faschistischen Bewegungen aufzuzeigen. Etwa wenn er schreibt:

In Italien und Deutschland war die entscheidende Erfahrung des 19. Jahrhunderts, auf die die emotionale und sentimentale Bindung der Massen zurückgeht, nicht der Sieg der bürgerlichen Ordnung, sondern die nationale Einigung. Die revolutionären Bewegungen waren primär national und erst dann demokratisch.

In solchen Sätzen blitzte schon 1939 Druckers Fähigkeit auf, komplexe geschichtliche Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen. Eine Fähigkeit, die ihn in späteren Jahren zu einem renommierten Management-Theoretiker und zum "Guru der Management-Gurus" machen sollte.

Industrielles Interesse

Nach dem Erscheinen von "The End of Economic Man" hat Peter Drucker übrigens etliche der darin entwickelten Ideen noch einmal aufgenommen und weitergeführt - und zwar in einem Buch mit dem Titel "The Future of Industrial Man", das 1942 in New York erschien.

Das Buch wurde damals in der Führungsetage von General Motors aufmerksam gelesen und der Autor in der Folge eingeladen, die Produktionsabläufe und Entscheidungsebenen bei General Motors genau zu studieren. Drucker nahm die Einladung an, begann mit seiner detaillierten Analyse eines Großunternehmens und legte damit einen ersten Grundstein für das Management als wissenschaftliche Disziplin. Der Rest ist Managementgeschichte.

Service

Peter F. Drucker, "Ursprünge des Totalitarismus. Das Ende des Homo Oeconomicus", aus dem Englischen übersetzt von Konrad und Peter Weiß, Karolinger Verlag

"Managing In The Next Society", 2nd Global Drucker Forum, Donnerstag, 18. November und Freitag, 19. November 2010, Haus der Industrie

Karolinger Verlag
The Peter Drucker Society of Austria