Obdachlosen-Andrang kaum zu bewältigen

Kälte und Schnee gepaart mit den Auswirkungen der Wirtschaftskrise sorgen derzeit für einen Ansturm auf Notschlafstellen für wohnungslose Menschen. Vor allem Obdachlose, die aus dem Ausland stammen, müssen wieder fortgeschickt werden. Nur für Obdachlose, die in das österreichische Sozialsystem eingezahlt haben, gibt es noch Plätze – zumindest in Wien.

Morgenjournal, 16.12.2010

Wieder zurück auf die Straße

Die Zahl der Schlafplätze für Obdachlose ist in Wien in den letzten Wochen erhöht worden. Trotzdem geht die Vinzenzgemeinschaft, einer der größten Betreiber, davon aus, dass noch 100 bis 150 Menschen derzeit im Freien schlafen, in Abbruchhäusern oder Zugwaggons. Betroffen seien vor allem EU-Bürger aus Osteuropa, sagt Vinzenzwerke-Koordinator Peter Lamatsch. Und Cecily Corti, Leiterin der Vinzi-Rast, meint über den Andrang im heurigen Winter: "Wir müsse sehr viel mehr Menschen jeden Abend abweisen. Besonders in den letzten zwei, drei Wochen bleibt uns nichts anderes übrig, als sie wieder auf die Straße zu schicken."

"Vinziport" und "Gruft" voll

Man werde jetzt in einem Ausweichquartier ein paar zusätzliche Schlafplätze schaffen, die dringend benötigt würden, sagt Corti. Das, obwohl zuletzt schon an die 150 zusätzliche Plätze für Obdachlose aus EU-Staaten entstanden sind - durch die Eröffnung der Einrichtungen "Vinziport" und "Zweite Gruft" der Caritas. Beide sind dieser Tage voll belegt.

Für Österreicher "noch Kapazitäten"

Noch freie Plätze gibt es laut Caritas-Sprecher Klaus Schwertner in den von der Stadt Wien geförderten Notschlafstellen. Sie sind allerdings für Österreicher vorgesehen oder für Personen, die in Österreich legal gearbeitet haben. "Von den 400 Notquartierplätzen in Wien sind 340 belegt, das heißt, es gibt noch eine gewisse Kapazität", so Schwertner.

Zusätzliche Matratzen

In Graz hingegen sind schon sämtliche Notschlafplätze belegt, egal ob für In- oder Ausländer, sagt Nora Musenbichler, die Grazer Koordinatorin der Vinzenzwerke: "Wenn wir Leute in andere Einrichtungen schicken wollen, sagen sie auch dort immer, sie haben keinen Platz mehr." In ganz Graz gebe es momentan keine freien Betten. Sie hoffe trotzdem, dass niemand im Freien schlafen muss, sagt Musenbichler. Man versuche notfalls mit zusätzlichen Matratzen auszuhelfen.

"Warum teilen wir nicht mehr?"

In der Vinzirast in Wien teilen sich oft Paare, Geschwister oder Freunde ein Bett, sagt Cecily Corti. Den großen Andrang von Rumänen, Polen, Ungarn, Slowaken und Ukrainern führt sie darauf zurück, dass die Not in diesen Ländern auch immer größer wird. Und: "Sie glauben halt, dass es unseren Menschen besser geht, was ja ganz ohne Frage der Fall ist. Und viele können nicht verstehen, dass wir nicht mehr teilen. Sie sagen, wir können uns keine Vorstellung machen, was es heißt in ihrem Land obdachlos zu sein." Sogar Lehrer und Universitätsprofessoren seien schon unter den Obdachlosen gewesen. Manche seien krank, physisch oder auch psychisch. Die meisten aber seien zwischen 25 und 45 Jahre alt und verzweifelt auf der Suche nach Arbeit.