Goldene Kehle, goldenes Herz

Am 15. Dezember, nur eineinhalb Monate vor ihrem 90. Geburtstag, ist Kammersängerin Hilde Rössel-Majdan nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Sie war Sängerin, Gesangspädagogin und weit mehr: Es wäre nur ein kleiner Teil ihrer Persönlichkeit, sie aufs bloße Singen zu reduzieren.

"Singen ist ja nicht nur dazu da, um Geld zu verdienen und an der Rampe zu sein. Singen ist etwas, was der Mensch braucht, wie das Brot zum Essen. Singen ist zu 80 Prozent seelischer Ausdruck. Ich sage immer: Singen ist der größte Liebesakt, den es überhaupt gibt, weil man sich hingeben muss - sein Herz im Klang eröffnen."

So hat Kammersängerin Hilde Rössel-Majdan bei einer Matinee der Freunde der Wiener Staatsoper im Jahr 1994 ihren Lebensinhalt als Sängerin definiert, doch wäre es nur ein kleiner Teil ihrer Persönlichkeit, sie aufs bloße Singen zu reduzieren. Hilde Rössel-Majdan war weit mehr; ein großer Teil ihres Lebens war dem Unterrichten gewidmet, um - wie es in einer Festschrift zu ihrem 70. Geburtstag geheißen hat - "zur künstlerischen und (!) charakterlichen Erziehung einer neuen Künstlergeneration beizutragen."

Singen als Therapie

Doch ging es ihr dabei in erster Linie nicht darum, irgendwelche Stars aufzubauen, sondern das Singen wieder zur Basis zu bringen, Menschen aller Altersklassen und aus unterschiedlichsten Bildungskategorien im Gesang zu vereinen, ihnen die Möglichkeit aufzuzeigen, durch das Singen ihre Seele zu öffnen.

Jahrzehntelang hat sie diese Ziele verfolgt, hat ständig Volkshochschulkurse abgehalten und dabei unzählige Menschen glücklich gemacht. Doch war dies nur ein Teil ihrer pädagogischen Tätigkeit, in deren Zentrum hingegen schon die Ausbildung des professionellen Nachwuchses gestanden ist.

Begnadete Lehrerin

Hilde Rössel-Majdan wurde noch während ihrer aktiven Sängerlaufbahn Professorin an der Musikhochschule in Graz, wechselte dann an die Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien und gründete schließlich zusammen mit ihrem Ehemann DDDr. Karl Rössel-Majdan eine eigene Schule: das Goetheanistische Konservatorium und die Waldorfpädagogische Akademie in Wien, wo sie mit totaler Selbsthingabe ihre künstlerischen und humanistischen Ideale zu verwirklichen suchte.

Vom Kloster in die Oper

Aber wie ist die 1921 im Tullnerfeld in ärmsten Verhältnissen geborene Hildegard Figl, wie sie mit ihrem Mädchennamen geheißen hat, selbst zum Gesang gekommen? Auf dem Umweg über ein Kloster in der Nähe von Tulln, wo sie bereits als zehnjährige im Chor gesungen und Theater gespielt hat.

Danach ist sie nach Wien gegangen, wollte Lehrerin werden, bekam allerdings keinen Studienplatz, also absolvierte sie die Handelsakademie. Und dann spielte der Zufall Regie. Auf der Suche nach einem Gesangslehrer traf sie auf den Bassisten Karl Rössl-Majdan, der ihr nicht nur das A und O des Singens beigebracht hat, sondern dessen Schwiegertochter sie auch wurde. 1951 ging schließlich mit ihrer Berufung an die Wiener Staatsoper ein Lebenstraum in Erfüllung.

25 Jahre Wiener Staatsoper

Ein Vierteljahrhundert lang schrieb Hilde Rössel-Majdan Wiener Operngeschichte mit. Zunächst noch im weltweit anerkannten Stammensemble, danach im Starzirkus des Herbert von Karajan, der ja immerhin acht Jahre lang die Wiener Staatsoper geleitet hat.

Von 1951 an war Rössel-Majdan ein unverzichtbares Wiener Ensemblemitglied, hat im Verband der Staatsoper rund 60 Rollen gesungen, in über 1.500 Vorstellungen, kleine und kleinste Partien ebenso wie die großen Fachpartien im Alt- und Mezzobereich.

Mit Bach in die Welt

Parallel zu ihrer Tätigkeit an der Staatsoper hat Hilde Rössel-Majdan auch viel im Ausland gastiert. Sie galt vor allem als große Konzertsängerin, als Bach-Spezialistin, ehe sie sich dann im Vollbesitz ihrer stimmlichen Mittel - viel zu früh und auch sehr radikal - von ihrer künstlerischen Tätigkeit zurückgezogen hat, um sich fortan mit voller Kraft ihrer Berufung als Pädagogin zu widmen.

Am 15. Dezember, nur eineinhalb Monate vor ihrem 90. Geburtstag, ist sie nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Die Kremation findet am Mittwoch, 29. Dezember 2010 um 11:00 Uhr in der Feuerhalle in Wien-Simmering statt.