David Grossman in Wien

David Grossman ist einer der bekanntesten Schriftsteller Israels - und zugleich einer der bekanntesten Friedensaktivisten und Kritiker der israelischen Politik im Nahostkonflikt. Am Dienstag, 12. April 2011 war Grossman in Wien zu Gast - auf Einladung von gleich vier Institutionen.

Das Burgtheater, die Israelitische Kultusgemeinde, das Jüdische Museum Wien und das Bruno Kreisky Forum hatten Grossman geladen. Auf der Burgtheater-Bühne las Elisabeth Orth aus dem jüngsten Roman von Grossman; die Direktorin des Jüdischen Museums, Danielle Spera, sprach ausführlich mit dem Autor.

Kultur aktuell, 13.04.2011

Routinierter Redner

Grossman ist ein so charismatischer wie routinierter Redner. In geradezu beschwörender Weise schilderte er auf der Burgtheaterbühne, wie zerstörerisch sich der nicht enden wollende Konflikt auf die israelische und palästinensische Gesellschaft auswirkt. Die Vitalität und leidenschaftliche Lebensenergie, über die Israel-Besucher oft staunen, sei nur die andere Seite einer schwer zu ertragenden Spannung.

Die israelische Gesellschaft könne sich die Alternative Frieden kaum mehr vorstellen. Sie erscheine als geradezu kriminell naive Idee von Leuten, die nicht begriffen hätten, worum es im Leben geht. Im Leben geht es um Krieg - so die verzerrte Wahrnehmung.

Panorama der israelischen Lage

Grossmans jüngstes Buch "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" ist ein groß angelegtes Panorama der israelischen Lage der letzten Jahrzehnte, gespiegelt in den Geschichten einer Familie. Während ihr Sohn Militäreinsatz leistet, unternimmt die Mutter eine Fußwanderung durch Israel - um eine mögliche Todesnachricht nicht entgegennehmen zu müssen. Während der Arbeit an dem Roman passierte David Grossman genau das: Einer seiner Söhne kam im Libanonkrieg 2006 um. Und zwar wenige Tage, nachdem Grossman von Israels Regierung öffentlich ein Ende der Kampfhandlungen verlangt hatte.

Man bekam gestern den Eindruck, dass der Friedensaktivist Grossman auch seinen Burgtheater-Auftritt als Möglichkeit zum Lobbying im besten Sinn verstand, als Bühne zum Appell an die Verantwortlichen, insbesondere an Israels Premier Benjamin Netanyahu.

Mutige Schritte gefordert

Es sei destruktiv, die Lähmung Israels zu sehen, besonders in einem Moment, wo sich in den umliegenden arabischen Staaten durch die Rebellionen so viel bewegt. Der Premierminister sei unfähig, etwas zu unternehmen. Obwohl sich gerade jetzt eine echte Chance bieten würde. Innerhalb weniger Monate, bevor die Palästinenser ihren eigenen Staat ausrufen wollen - was ein sehr dramatischer, interessanter Schritt mit noch nicht voraussagebaren Folgen sei.

Jetzt würde Netanyahu bei einem mutigen Schritt hin zum Frieden die Mehrheit der Israelis hinter sich haben - nach zwei, drei Jahren weiterer Hoffnungslosigkeit nicht mehr. Dann würde Israel in Fanatismus, Rassismus und Verzweiflung versinken.

Politik der Angst

Netanyahu wirft er vor, in einer versteinerten Ideologie gefangen zu sein und eine Politik der Angst zu betreiben. Im Ö1-Interview nach der Veranstaltung präzisierte Grossman, warum die Aufstände in der arabischen Welt Israel nutzen könnten.

Länder, die demokratischer werden, hätten starke Interessen gegen Fanatismus und Fundamentalismus. In dem Sinn könnten sie Verbündete für Israel werden. Nicht weil sie Israel mögen, sondern weil sie das Land als starken Partner gegen Mächte wie den Iran oder die Schiiten in der arabischen Welt betrachten könnten. Deshalb solle man in Beziehungen mit diesen Ländern treten.

Dem Land Ägypten wünscht er, die Chance für eine umfassende Demokratisierung zu nützen, was auch die Rechte von Frauen, Christen, Homosexuellen etc. umfassen sollte. Für andere Diktaturen wie Syrien hofft er, dass es im Fall eines Umsturzes nicht zu einer Ein-Runden-Demokratie kommt: Dass nämlich ein autoritäres Regime nur durch ein anderes abgelöst wird.

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