Bob Dylan von A bis Z

Es ist wohl einer der legendärsten Momente der Rockgeschichte. Am 17. Mai 1966 tritt Bob Dylan in der Manchester Free Trade Hall auf. Wie schon bei den vorigen Konzerten ist auch dieses Mal das Publikum gespalten. Den einen gefällt sein neuer elektrischer Sound, die anderen hassen ihn dafür, dass er nicht mehr die guten alten akustischen Protest-Songs spielt.

Und dann, kurz vor Schluss des Konzertes ruft plötzlich jemand "Judas!" Dylan ist kurz verblüfft, dann raunzt er dem Störenfried ein "I don't believe you ... You are a liar" entgegen. Dylan wendet sich seiner Band zu, und so, als wollte er dem Rufer noch extra eins auswischen, feuerte seine Musiker, bevor sie "Like a Rolling Stone" starten, noch an: "Let's play it fucking loud."

Momente der Rockgeschichte

Oft wurde diese Szene beschrieben, sie gilt als Wendepunkt in der Karriere von Dylan und manche sehen darin sogar die Geburtsstunde der Rockmusik als eigene Kunstform in der Abgrenzung zum Pop. Was bis heute nicht klar ist: Wer war eigentlich jener Mann, der da im Mai 1966 "Judas" rief?

1999 wurden von der BBC 20 Veteranen, die damals dabei waren, in die inzwischen leer stehende Free Trade Hall gebracht, um von ihren Erfahrungen zu berichten. Aus Kanada war dafür extra Keith Butler angereist, der behauptete, der legendäre Rufer zu sein. Als die Sendung ausgestrahlt wurde, meldete sich aber John Cordwell und meinte, er sei der echte "Judas"-Rufer. Der BBC-Reporter bat Cordwell also, doch nochmals zu rufen. Und als die Sendung 2004 von der BBC wiederholt wurde, wurde dieser Schrei dem historischen Ruf gegenübergestellt. Die Zuhörer sollten jetzt selbst entscheiden, ob dies der Mann sei, der im Mai 1966 unbeabsichtigt Rockgeschichte geschrieben hat.

D wie DDR

Es gibt wohl keinen Musiker, über den so viel geschrieben wurde, wie über Bob Dylan. Was kann man über ihn noch sagen, was nicht bereits unzählige Male berichtet wurde? Michael Endepols versucht sich Dylan über Schlagworte zu nähern. J wie Judas, B wie Boxen oder D wie DDR.

Auch das ist ein Abend, der in die Geschichte eingegangen ist: Am 17. September 1987 spielte Dylan zum ersten Mal im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat. Die Fans konnten ihr Glück kaum fassen; da war er nun, der größte lebende Musiker, der kritische Geist, der Vater des Protestsongs. Was würde er wohl in Ost-Berlin sagen, wie würde er die politische Lage einschätzen? Dylan tat, was er immer tut, und was er am besten kann: Die Erwartungen der anderen nachhaltig enttäuschen.

Durchgefallenes Musical

Unter M wie Musical berichtet Michael Endepols von jenem Projekt, das im Herbst 2006 am Broadway Premiere hatte. "The Times They Are A-Changin'" hieß es. 27 Songs von Dylan wurden da zu einem seltsamen Potpourri vermischt. Dylan selbst fand das gar nicht übel und äußerste sich recht freundlich über die neuen Arrangements. Das Publikum war da weniger begeistert; es hagelte Verrisse, die Fans boykottierten die Aufführungen und nach vier Wochen wurde die Produktion bereits wieder eingestellt. Es gäbe eben Ideen, schreibt Endepols, die seien von Anfang an zum Scheitern verurteilt; das Werk Dylans in ein Musical verwandeln zu wollen, sei so eine.

Michael Endepols nähert sich Dylan mit Respekt, aber doch auch mit einer gehörigen Portion Humor. Natürlich werden hier die großen, wichtigen Meilensteine im Leben von Bob Dylan abgehandelt, wie eben die Konzerte des Jahres 1966, der darauf folgende Motorradunfall und der Rückzug ins Private. Aber Endepols hat eine Schwäche für Anekdoten, die weniger bekannt sind. Und diese machen das Buch zu einer sehr unterhaltsamen Lektüre.

Dylan im Kindergarten

Unter K wie Kinderschreck berichtet der Autor über jenen seltsamen Vorfall, der sich im Mai 2007 in einem Kindergarten nahe Los Angeles zugetragen haben soll. Einige Kinder kamen da ganz verschreckt nach Hause und erzählten ihren Eltern von einem komischen alten Mann, der sie mit seinen Liedern verängstigt hatte.

Service

Michael Endepols, "Bob Dylan von A bis Z", Reclam Verlag

Bob Dylan
Reclam - Bob Dylan von A bis Z