Malicks Baum des Lebens

Fünf Langfilme in vier Jahrzehnten, rein quantitativ mager. Allerdings zählt der 68-jährige US-amerikanische Regisseur Terrence Malick zu den beeindruckendsten Vertretern seiner Zunft. Für den Film "Der schmale Grat" erhielt er 1999 den Goldenen Bären der Berlinale und erst kürzlich wurde er für seine neuestes Werk "The Tree of Life" in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Kultur aktuell, 15.06.2011

Terrence Malick tritt so gut wie nie in der Öffentlichkeit auf. Selbst die Goldene Palme, die er vor weniger Wochen in Cannes gewonnen hat, hat er sich nicht persönlich abgeholt. Kurzum: kaum ein Filmemacher nährt so intensiv, wenn auch unabsichtlich die Spekulationen um seine Person, sodass in Cannes der Presseevent zum Film zum großen Rätselraten wurde. Kann der Mann überhaupt sprechen? Isst und trinkt er? Brad Pitt Hauptdarsteller von Malicks "Tree of Life" gab Auskunft: "Ja, er kann sprechen." Und er gehe sogar auf die Toilette.

Gott und die Natur

Das Phantom ist also auch nur ein Mensch und so geheimnisvoll wie er selbst, sind auch Malicks Filme. "The Tree of Life" ist in dieser Hinsicht ein Kulminationspunkt, denn nichts weniger als die Entstehung und der Fortgang der Menschheit werden hier zwischen zwei Polen verhandelt: zwischen Gott und der Natur.

Das Demonstrationsfeld ist eine amerikanische Familie in den 1950er Jahren, Vater, Mutter drei Söhne. Der Vater (Brad Pitt) ein Perfektionist und Choleriker, ein self-made man und Tyrann, aber dennoch ein liebender Vater, der das auf seltsame, weil mit Autorität unterfüttert, zeigt. Das Gegengewicht ist die Mutter (Jessica Chastain), die sanft Liebende.

Kein Versteck vor dem Unglück

Malick zitiert aus dem Buch Hiob. Einer der Söhne stirbt bei einem Unfall, die Trauer des Verlusts bringt Weltbilder ins Wanken. Irgendwann wird sich Gott Fragen gefallen lassen müssen: Wo warst du? Warum hast du ein Kind sterben lassen? Warum soll ich gut sein, wenn du es nicht bist? Vor dem Unglück gibt es kein Versteck, schließlich das Resümee.

Tiefe Wurzeln des Lebens

Die Wunder der Natur einerseits, von riesigen Vogelschwärmen bis hin zu Weltallbildern von exzentrischer Schönheit, Vulkane und Meere, National Geographic pur, andererseits die Wunder des Menschen, etwa architektonische Meisterleistungen aus Glas und Stahl.

Man muss schon genau hinsehen, um hier im Rausch der Bilder nicht blind zu werden, so schnell dreht Malick manchmal das Kaleidoskop, so glitzernd sind seine Spiegel. Und: Man mag über die mystische Auswüchse und überbordende Symbolik den Kopf schütteln, um sie trotzdem aufs heftigste zu bewundern. "The Tree of Life" ist ein wuchtiges Werk, das seine Widersprüche lust- und eindrucksvoll präsentiert für einen Publikum, das bereit ist, sie genauso lustvoll hinzunehmen.