Jean Ziegler im Interview

Was Globalisierungskritiker Jean Ziegler bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele gesagt hätte, wäre er dort als Eröffnungsredner nicht ausgeladen worden, können Sie ab Montag, 25. Juli 2011, nachlesen. Eine Broschüre mit der Rede liegt österreichweit in den Buchhandlungen auf. Im Ö1 Interview spricht er über die aktuelle Hungerkrise in Afrika.

Kulturjournal, 25.07.2011

Jean Ziegler im Interview

Jean Ziegler, als Eröffnungsredner der Salzburger Festspiele zunächst ein- und dann wieder ausgeladen, hätte in seiner Rede die Hungerkatastrophe in Ostafrika thematisiert, Kritik an den "Verursachern und Herren dieser kannibalischen Weltordnung" geübt und einen "Aufstand des Gewissens" gefordert. Dies schreibt er in dem Redetext, der im Ecowin-Verlag erscheint.

"Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren", beginnt Ziegler und beschreibt detailreich, wie der Körper unterernährter Kinder langsam zerfällt. Dies geschehe "zig-tausendfach in der Tragödie, die sich gegenwärtig in Ostafrika abspielt." In der Flüchtlingsbetreuung fehle das Geld für therapeutische Sondernahrung für Kleinkinder. "Das Budget des World-Food-Programms war 2008 sechs Milliarden Dollar, 2011 nur noch 2,8 Milliarden. Warum? Weil die reichen Geberländer - insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien - viele Tausend Milliarden Euros und Dollars ihren einheimischen Bank-Halunken bezahlen mussten: zur Wiederbelebung des Interbanken-Kredits, zur Rettung der Spekulationsbanditen. Für Sofort- und Entwicklungshilfe blieb und bleibt praktisch kein Geld."

Kultur aktuell, 25.07.2011

Reiche sind "Verursacher"

Mit dem Bogen zu Salzburg hätte er sein Publikum direkt in seine Kritik miteinbezogen. "Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung." Gerade deshalb hätte er an diesem Ort aber auch eine Chance gesehen: "Was ist mein Traum? Die Musik, das Theater, die Poesie transportieren die Menschen jenseits ihrer selbst. Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung (...) Wunder könnten in Salzburg geschehen: Das Erwachen der Herren der Welt. Der Aufstand des Gewissens! - Aber keine Angst, dieses Wunder wird in Salzburg nicht geschehen. Ich erwache. Mein Traum könnte wirklichkeitsfremder nicht sein! Kapital ist immer und überall stärker als Kunst."

Der Schweizer Globalisierungskritiker war für die Eröffnungsrede von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) zunächst ein-, dann aber wegen seiner angeblichen Nähe zu Muammar Al-Gaddafi wieder ausgeladen worden. Ziegler selbst sowie zahlreiche kritische Stimmen vermuten, dass die Ausladung aufgrund von Druck seitens der Festspiel-Sponsoren erfolgt sei. Dies wird allerdings von den Festspiele und der Landespolitik vehement in Abrede gestellt. Die Einladung zu einer "Gegenrede" in Salzburg schlug Ziegler aus. Zur Eröffnung wird nun der Bürgerrechtler Joachim Gauck sprechen.

Wer mehr von Jean Ziegler lesen will, als die nicht-gehaltene Rede: Sein jüngstes Buch "Der Hass auf den Westen" aus dem Jahr 2009 wurde heuer in überarbeiteter Form neu aufgelegt.

Text: APA, Red., Audio: ORF