Jáchymov

Verrostete Stacheldrahtzäune und zusammengestürzte Mauern früherer Baracken: die Überreste eines Gefangenenlagers. Nicht weit davon entfernt die Ruinen eines alten Förderturms, des Todesturms, wie man ihn nannte. Wer hier Dienst tat, setzte sein Leben aufs Spiel: Mit bloßen Händen und ohne Strahlenschutz musste das Uran aus den Stollen verladen, ausgesiebt und für den Weitertransport verpackt werden.

Jáchymov, wie dieser Ort des Schreckens heißt, gilt bis heute als tschechoslowakischer Gulag. Und "Jáchymov" ist nun der Titel des neuen Romans von Josef Haslinger. Er führt ein Stück Geschichte vor, das im Schatten des großen Europa zu verschwinden droht.

Im Uranbergwerk

Die kleine Stadt Jáchymov im Erzgebirge - Joachimsthal auf Deutsch - ist ein altes Radon-Heilbad. Nach 1938, mit der Entdeckung der Kernspaltung, erlangten die Minen des Ortes strategische Bedeutung: Schon während des Zweiten Weltkriegs wurden russische Häftlinge in den Berg geschickt, um jenes Uran zu gewinnen, das Hitlers Rüstungsindustrie diente. Nach 1945 waren es deutsche Gefangene, die man hier knechtete, und mit Beginn der Machtübernahme durch die Kommunisten die Regimegegner. Kaum einer dieser Zwangsarbeiter hat das Lager unbeschadet verlassen, die meisten von ihnen starben später an den Verstrahlungen durch das Uran.

Auch Bohumil Modrý, Hauptfigur von Josef Haslingers Roman, ging an Jáchymov zugrunde. Nun bekommt er ein Denkmal: ein Buch, das zwischen Realität und Fiktion wechselt und ein vielstimmiges Bild jener Zeit entwirft, die weiter in unsere Tage reicht, als man auf den ersten Blick meinen würde.

Tschechisches Eishockey-Dremteam

Haslingers Geschichte springt mitten hinein in die Welt des Sports, der nach 1945 Aushängeschild des neuen tschechoslowakischen Staates wird. Sechs Jahre lang ist man von der Welt abgeschnitten gewesen. Doch nun, 1947, der Triumph: Das Team wird Eishockey-Weltmeister. Wenig später gewinnt die Mannschaft bei der Olympiade in St. Moritz die Silbermedaille. Und so sind die Athleten auch nicht übermäßig beunruhigt, als kurz nach ihrer Rückkehr aus der Schweiz politische Umwälzungen beginnen. Sie alle glauben, für die junge Tschechoslowakei gesiegt zu haben, nicht für die Kommunisten, die den Staat von Grund auf umzubauen beginnen.

Bohumil Modrý ist damals einer der Stars des Teams. Schon vor dem Krieg hat ihn ein erstes Angebot erreicht, sich als Torwart nach Kanada zu verpflichten. Er hat abgelehnt. Im Frühjahr 1948 wird er ein zweites Mal gefragt. Die National Hockey League hat einiges zu bieten: ein ordentliches Salär und das Angebot, daneben noch in einem kanadischen Architekturbüro zu arbeiten. Beides reizt ihn. Er verhandelt mit einem der neuen Minister und nimmt ihm ein Versprechen ab: Wenn er, zusammen mit der Mannschaft, bei der bevorstehenden Europameisterschaft die Goldmedaille nach Hause bringen würde, dann würde man ihn für zwei Jahre ziehen lassen. Die Modrýs, Vater, Mutter und zwei kleine Töchter, beginnen zu packen. Der Sieg in Stockholm scheint eine reine Formsache.

Vorerst freilich gilt es, den Spengler Cup zu gewinnen. Der LTC Prag, der damals beste Eishockeyclub Europas, fährt nach Davos. Tschechoslowakische Emigranten versuchen, die Spieler zu überreden, nicht mehr heimzukehren. Man winkt mit Geld, der Aussicht auf ein freies Leben und der Bildung einer Exilmannschaft, mit der man den neuen Machthabern zeigen würde, dass sie fortan am Eis auf verlorenem Posten stehen würden. Doch das Team entscheidet sich dagegen. Viele haben Angst vor den Repressalien, die die Familien erwarten würden. Und man hängt wohl auch an der Heimat. Doch als man die Rückreise antritt, fehlen zwei Sportler.

Wenig später reist das Nationalteam, das in jenen Tagen fast ausschließlich aus Athleten des LTC Prag besteht, nach Stockholm. Wieder haut einer der Spieler ab. Am Hradschin entsteht Unruhe. Was, wenn das Schule machen und ein Großteil der umjubelten Sportler das Weite suchen würde? Es gilt schnellstens und hart durchzugreifen.

Das Schicksal des Bohumil Modrý

Spätestens jetzt hat man die spannendsten Episoden des Romans erreicht. Josef Haslinger erzählt die Geschichte aus mehreren Perspektiven. Da ist einerseits der Verleger Anselm Findeisen, den sein Arzt auf Kur nach Jáchymov schickt. Und da ist andererseits die Tänzerin, die er dort kennenlernt und die ihm das Schicksal ihres Vaters zuspielt, eben jenes Bohumil Modrý. Sie schreibt für ihn auf, was sie über ihren Vater weiß und erzählt gleichzeitig, welche Wunden ihr und ihrer Familie zugefügt wurden.

Nach der siegreichen Europameisterschaft scheint für Bohumil Modrý der Weg nach Kanada frei. Doch man verweigert ihm das Visum. Modrý ist so enttäuscht, dass er aus der Eishockeymannschaft ausscheidet. Wenig später lockt man die übrigen Teamspieler in eine Falle. Man unterstellt ihnen eine Verschwörung gegen das Regime, foltert und inhaftiert sie. Auch Modrý gerät ins Kreuzfeuer und wird verurteilt.

In der Folge landet er in Jáchymov, wo man zwölf Arbeitslager ähnlich den früheren deutschen KZ eingerichtet hat. Hier werden jene weggesperrt, die sich den Direktiven der neuen Machthaber nicht fügen. Man schindet sie bis an den Rand ihrer Kräfte. Als Modrý 1955 amnestiert wird, ist er ein gebrochener Mann - und seine Familie, jahrelang durch Sippenhaft verfolgt, schwer traumatisiert.

Keine reine Familiensaga

Josef Haslingers Roman basiert auf den Briefen Bohumil Modrýs, die ihm seine Tochter Blanka Modra zusammen mit den Prozessakten zur Verfügung gestellt hat. Ergänzt wird das Buch durch Recherchen des Autors, die er nun dem Verleger Anselm Findeisen in den Mund legt: ein dramaturgischer Trick, um den Stoff von der reinen Familiensaga zu lösen. Dass dieser Anselm, seines Zeichens Wahlwiener, auch noch die Erlebnisse seiner eigenen Jahre in der DDR auffährt, wirkt etwas aufgesetzt. Dort, wo Haslinger bei Bohumil Modrý bleibt und seiner Tochter eine Stimme gibt, zeigt der Roman seine stärksten Seiten.

Als Bohumil Modrý am 21. Juli 1963 nach langer Krankheit stirbt, ist er 46 Jahre alt. Seine Frau verbittet sich beim Begräbnis alle Reden. Jedes Wort wäre falsch gewesen. Josef Haslinger findet den rechten Ton. Sein Roman "Jachýmov" ist kein schwermütiges Requiem, sondern ein lebendiges Stück Geschichte. Man hört zu, ist gefangen und trägt sie dann weiter.

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Josef Haslinger, "Jáchymov", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main

S. Fischer - Josef Haslinger