Sowjetnostalgie 20 Jahre nach dem Ende

Am 19. August 1991 versuchte eine altkommunistische Gruppe den Putsch gegen Reformer Michail Gorbatschows. Zwei Tage später war der Putsch gescheitert, die Teilrepubliken hatten sich für unabhängig erklärt. Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) war am Ende. 20 Jahre danach macht sich in Russland immer mehr Sowjetnostalgie breit.

Mittagsjournal, 19.08.2011

Sowjetzeit allgegenwärtig

Im Zentrum Moskaus könnte man auf den ersten Blick meinen, die Sowjetunion existiere immer noch: Die Leiche Lenins liegt nach wie vor am Roten Platz, Lenin-Statuen im ganzen Land, Straßen und Plätze sind weiter nach Helden der Oktoberrevolution benannt. Nur in der Wirtschaft hat sich einiges geändert: Statt Planwirtschaft herrscht jetzt Marktwirtschaft, wenn auch staatlich gesteuert.

"Größte geopolitische Katastrophe"

Wie die politische Führung die Vergangenheit sieht, hat Premierminister Wladimir Putin schon vor einigen Jahren klargestellt: "Die Zerstörung der Sowjetunion war die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Für das russische Volk bedeutet sie ein echtes Drama, dutzende Millionen unserer Landsleute befinden sich außerhalb der Grenzen unseres Landes, und die Epidemie des Zerfalls hat auch auf Russland selbst übergegriffen. Das Volksvermögen wurde vernichtet, alte Ideale zerstört."

Einschätzung immer negativer

Putin und die Führung greifen dabei eine weitverbreitete Stimmung auf und verstärken sie gleichzeitig, meint Alexei Graschdankin, der stellvertretende Leiter des Meinungsforschungsinstitutes Levada: "Schon sehr bald nach der Revolution im August begannen wirtschaftliche Umwälzungen im Land, die für meisten Bewohner Russlands ernste Probleme bedeuteten. Schon nach einem halben Jahr hatte sich die Einschätzung der Ereignisse gedreht und wird seither eigentlich immer negativer. Heute sagen nur zehn Prozent der Bevölkerung, dass die Augustrevolution sich positiv ausgewirkt hat, 40 Prozent dagegen meinen, dass sie negative oder sogar katastrophale Folgen hatte."

Sowjetnostalgie auch bei der Jugend

Die Führung unter Wladimir Putin wird dabei von der Mehrheit der Bevölkerung nicht der Seite Jelzins zugeordnet, sondern der der damals gescheiterten Putschisten, Putins Programm wird sozusagen als Verwirklichung der Pläne der gesehen. Eine echte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit findet nicht statt - auch bei der Jugend herrscht Sowjetnostalgie wie eine Umfrage auf dem Manescheplatz, einem beliebten Treffpunkt der Moskauer Jugend: "Damals haben die Leute viel besser gelebt, es gab Werte, Patriotismus, unser Land ist heute in einem viel schlechteren Zustand. Gorbatschow hätte das alles verhindern können, aber er hat versagt." - "Die damaligen Ereignisse waren schrecklich! Das Volk hatte doch dafür gestimmt die Sowjetunion zu erhalten, die Menschen wurden betrogen und ein großes Land wurde so zerstört. Gorbatschow sollte dafür zur Verantwortung gezogen werden, er ist ein Verbrecher." - "Trotz allem sehe ich die damaligen Ereignisse eher positiv. Es war gut für die Wirtschaft Damals gab es doch den Eisernen Vorhang, jetzt können wir reisen, die Welt sehen, das halte ich für einen großes Plus."

"Wir hatten viele Freunde"

Auch eine Dame Ende 40 will ihre Sicht der Dinge loswerden, als sie hört worum es bei den Fragen der ausländischen Journalisten geht: "Für mich war der Zerfall eine Tragödie. Ich bin in dieser Zeit aufgewachsen, wir hatten so gute Beziehungen zu den anderen Nationalitäten, egal ob das jetzt Georgier waren, Tadschiken oder Balten, ich hatte viele Freunde aus anderen Republiken. Heute kommt der ganze Patriotismus nicht aus einer Idee sondern nur aus der Zugehörigkeit zu einem Volk, das finde ich sehr schade."

Verklärtes Bild

Gerade ältere Leute würden sich eine Wiederherstellung der Sowjetunion wünschen, erklärt Alexej Graschdankin vom Meinungsforschungsinstitut Levada: Die negativen Seiten der damaligen Zeit würden einfach ausgeblendet. "Die Mehrheit, der Mann von der Straße sieht die sowjetische Periode positiv. Es herrschte Stabilität, der Staat kümmerte sich um jeden Einzelnen und was die Unfreiheit angeht: Die Leute die einfach nur ihr Leben gelegt haben wussten ja nicht, was sie versäumen, sie spürten die Unfreiheit nicht. Im Vergleich zu den 1990ern, wo es wenig greifbare Vorteile aber große materielle Probleme gab hebt sich diese Zeit natürlich sehr positiv ab. Die Leute mussten selber Verantwortung für sich übernehmen, und viele haben das einfach nicht geschafft."

Mitsprache nicht vorgesehen

Diese Sowjetnostalgie nütze auch der derzeitigen Führung, dem sogenannten Tandem Putin-Medwedew. Die Mehrheit der Russen wünscht sich die Wiederherstellung des sowjetischen Gesellschaftsmodells, in dem sich der Staat um das Wohlergehen des Einzelnen kümmere. Politisches Mitspracherecht ist in diesem Modell hingegen nicht vorgesehen.