Wa(h)re Kultur

Was haben eine gefälschte Louis Vuitton-Tasche, eine Diplomarbeit voller Zitate und ein auf CD gebrannter Musik-Mix für die beste Freundin gemeinsam? Eine Menge, meint der brasilianische Ethnologe Gustavo Lins Ribeiro.

"Das Verhältnis von Original und Kopie ist in den Bereichen von Wirtschaft, den Universitäten und der Kultur sehr ähnlich", erklärt er im Gespräch. Außerdem sprach der Eröffnungsredner der kultur- und sozialanthropologischen Fachtagung "Wa(h)re Kultur", die am Mittwoch, 14. September 2011, in Wien begonnen hat, im Interview über Gott als "erstes Original" und den Schwarzmarkt als "ökonomische Globalisierung von unten".

Kulturjournal, 15.09.2011

Ausgangspunkt seiner Forschung sind die Straßenmärkte, die nicht nur an seinem Wohnort Brasilia, sondern überall auf der Welt von gefälschten Waren übergehen. Die Schattenglobalisierung sei "der einzige Ort, an dem arme Menschen am globalen Fluss des Wohlstands teilhaben", so Ribeiro und plädiert für einen differenzierten Blick: "Innerhalb dieses Systems muss man unterscheiden zwischen globaler organisierter Kriminalität und der ökonomischen Globalisierung von unten."

Beide seien Teil eines "nicht-hegemonialen Weltsystems", das Ribeiro auch anhand von Migrationsströmen untersucht. "Vor allem über die chinesische Diaspora, aber auch etwa über die libanesische entwickelt sich ein hochkomplexer Informationsfluss über Markt- und Produktionsbedürfnisse", an dem zahlreiche Menschen Anteil haben, die "niemand als Kriminelle bezeichnen würde. Es ist ein Mangel des normativen Systems". Die Gesellschaft unterscheide hier längst.

"Sehen Sie irgendwo riesige Straßenmärkte voller Kokain? Nein, aber voller illegal reproduzierter Marken und DVDs sehr wohl - weil die Gesellschaft es akzeptiert."

Viele Grauschattierungen

Dass das Verhältnis von Original und Kopie niemals schwarz-weiß sondern vielfach grauschattiert ist, hat Ribeiro im Weiterspinnen seiner Untersuchungen in den Bereich des akademischen und kulturellen Lebens verfolgt. "Die Frage des Urheberrechts ist im digitalen Zeitalter natürlich vieldiskutiert - jeder Zehnjährige wird ja rasch zum Delinquenten. Dass das Rechtssystem da aufzuholen hat, ist klar. Aber auch früher hat Kultur immer aus Imitation, aus Wiederholung und Kopie bestanden."

Dass Lernen etwa stets über Imitation erfolgt, man an Orten des Lernens, wie den Universitäten, aber ein eindeutig negatives Verhältnis zu Kopien und Plagiaten habe, sei genauso ein ewiges Spannungsverhältnis, wie die Abhängigkeit von Louis Vuitton und seiner Fälschung "was den Wert von beiden betrifft".

"Die Idee des Originals ist in unserer Kultur extrem mächtig", so Ribeiro und führt das Konzept auch auf die Religion zurück. "Gott ist das erste Original. Er schuf uns nach seinem Abbild. Also sind wir alle Kopien." Während andere Philosophien wie der Buddhismus die Kopie als "Suche nach dem Unendlichen" annehmen, bleibt im westlichen Weltbild also stets ihr Mangelcharakter. "Eigentlich ist das ein Widerspruch zu unseren fundamentalen kognitiven Fähigkeiten: Stellen Sie sich vor, jedes Objekt wäre einzigartig - wir könnten sie niemals benennen, geschweige denn benutzen."

Fragen der kulturellen Rechte

"Wa(h)re Kultur" ist das Thema der internationalen Fachtagung, die noch bis Samstag, 17. September 2011, von der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde, der Uni Wien, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Völkerkundemuseum veranstaltet wird. Im Plenum und bei den 46 Workshops wird dabei etwa über die Frage der kulturellen Rechte indigener Völker, über Migranten als Agenten kultureller Veränderung oder über Repatriierung von Kulturgütern diskutiert. 500 Ethnologen sind für die größte Fachtagung ihrer Disziplin im deutschen Sprachraum in Wien.

Text: APA, Red., Audio: ORF