Der "Hot Pot"

Island, die Vulkaninsel im Nordatlantik, ist berühmt für seine "heitur pottur", so heißen die Bäder mit Wasser aus natürlichen heißen Quellen, manche sagen auch einfach "hot pots". Als "hot pot" wird mitunter auch die zeitgenössische isländische Kunstszene bezeichnet, denn in Island findet sich eine unglaubliche Dichte an Künstlern.

Kulturjournal, 05.10.2011

Einen Container voll mit Sand und Lavasteinen hat Gabriella Fridriksdottir auf die Reise geschickt - von Island nach Frankfurt. In der Schirn Kunsthalle hat sie daraus eine mythische Landschaft geformt - ein seltsam fremd anmutendes Universum. "Lava, Felsen, Moos - das sind starke Elemente, die wir in Island haben, roh und ausdruckstarkstark", meint Fridriksdottir. "Es sind sehr emotionale Landschaften, alles ist so offen. Island ist noch immer eine offene Wunde, eine Wunde, die noch nicht verheilt ist."

"Crepusculum" heißt die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle, also: Zwielicht oder Dämmerung. Baumstämme, verkohltes Holz, Seile und Glaskolben hat Gabriela Fridriksdottir in ihrer Lavalandschaft platziert, in einer Videoprojektion baumeln Fischköpfe im Wind. Elektronische Soundcollagen und Traumbilder verweben sich mit Geschichten aus der altnordischen Mythologie und mit spirituellen Exerzitien.

"Es geht um eine Reise", erklärt Gabriela Fridriksdottir, "um Veränderung und Verwandlung, um Verfall und eine Geburt, um die Seele, die durch die Bilder der Landschaft wandert." Und es geht um eine Reise in die Vergangenheit.

Inspirationsquelle Islandsagas

Integriert in diese Installation sind acht originale mittelalterliche Handschriften, die dafür zum ersten Mal nach Deutschland gebracht worden sind. Das älteste der acht Manuskripte stammt aus dem 12. Jahrhundert. "Die Sagas waren meine politische Erziehung", sagt Fridriksdottir. "Wir haben so lange Zeit um unsere Unabhängigkeit gekämpft und die Sagas waren da ganz wichtig. Alle haben die Sagas gekannt und wir alle waren stolz auf unsere Helden. Ich bin tatsächlich eine stolze Isländerin - die Erziehung hat also gewirkt." Sagen und Mythen - eine wichtige Inspirationsquelle für Gabriela Fridriksdottir und manchmal spürt sie auch die Geister, wie sie sagt, eine Verbindung zu etwas, das nicht mehr da ist.

Gabriela Fridriksdottir ist eine der bekanntesten Künstlerinnen der jüngeren Generation. In New York hat sie ihre Arbeiten ebenso gezeigt wie in Tokio, London, Zürich und Paris. Und 2005 hat sie Island bei der Biennale in Venedig vertreten - als jüngste Teilnehmerin, mit einer viel beachteten Videoinstallation. Videoarbeiten und Zeichnungen, Malereien, Fotografien, Skulpturen und Musik: in ihrer künstlerischen Arbeit stehen sie gleichbedeutend neben Installationen und Performances.

Alle für alles

Grenzüberschreitungen sind üblich in Island, die interdisziplinäre Praxis ist typisch für die isländische Kunstszene, erklärt Gunnhildur Hauksdottir vom Living Art Museum, einem von Künstlern betriebenen Ausstellungsforum, das in den 1970er Jahren im Zuge der Fluxusbewegung von dem Schweizer Künstler Dieter Roth mitbegründet wurde. Die Devise: Im Living Art Museum machen alle alles.

Ein Ansatz, der sich nicht zuletzt auch nach der Krise bewährt hat, meint die Direktorin des Fotografiemuseums in Reykjavik, Maria Karen Sigurdardottir. Mit vier Kolleginnen betreut sie eine Sammlung von 1,7 Millionen Fotos und den Ausstellungsbetrieb - vom Katalogtext bis zum Bilderaufhängen und Ausmalen.

Bankencrash traf auch Museen

Das Museum für Fotografie liegt beim alten Hafen von Reykjavik. Gleich nebenan: das Hafnarhus, ein ehemaliges Lagerhaus, das zum Reykjavik Art Museum umgebaut wurde, die größte Kunstinstitution in Island. Im Erdgeschoß ist dort übrigens gerade eine Ausstellung von Christian Ludwig Attersee zu sehen.

Die Museen wurden von der Krise nach dem Bankencrash heftig getroffen, sagt der Direktor Hafthor Yngvason: "Wenn wir Sonderausstellungen machen wollten, mussten wir Sponsoring-Gelder auftreiben. Das war eine leichte Sache vor der Krise. Jetzt ist alles anders. Wir machen deutlich weniger Ausstellungen und sie dürfen nicht so aufwendig sein. Vor vier Jahren hat es hier deutlich anders ausgeschaut."

Werke von Erró

Die Künstler selbst seien von der Krise nicht unmittelbar betroffen, meint Hafthor Yngvason, denen sei es vorher auch nicht besser gegangen. Und er fügt hinzu: die meisten gehen ohnehin ins Ausland: "In Island gibt es keine Kunstuniversität, das heißt isländische Künstler lassen sich in aller Welt ausbilden. Die Regierung bietet ihnen dafür einen Kredit an, bei dem die Rückzahlung nicht höher ist als 3,35 Prozent des jährlichen Einkommens. Sogar Künstler, die wenig verdienen, können sich das leisten. Sie gehen nach New York, nach Mailand, Berlin, Amsterdam, Paris."

So wie Gudmundur Gundmundsson, der bald 80-jährige Maler, der wohl als Erró besser bekannt ist. Erró wohnt seit mehr als einem halben Jahrhundert fernab seiner Heimat in Paris und Hafthor Yngvason ist stolz, den Großteil der Arbeiten von - wie er betont - Islands größtem lebenden Künstler im Reykjavik Art Museum zu haben.

3.000 Werke hat Erró geschaffen - Zeichnungen, Collagen, Skulpturen, Filme und die berühmten plakativ-farbigen wimmelbildartige Gemälde, übersät von so ziemlich allem, was Medien und Populärkultur des 20. Jahrhunderts zu bieten hatten: von der Comicfigur bis zum Postkartensujet. Danielle Kvaran, Kuratorin im Reykjavik Art Museum führt durch die aktuelle Ausstellung. Neben Collagen von Erró sind da auch seine frühesten Arbeiten ausgestellt, die kaum einer kennt.

"Erró ist eine zu wenig bekannte Größe der europäischen Malerei", meint Danielle Kvaran. Und das soll sich jetzt ändern. Die Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigt jetzt seine erste große Einzelausstellung in Deutschland: "Erró - Porträt und Landschaft", parallel zur Ausstellung von Gabriela Fridriksdottir. Beide Ausstellungen sind bis zum 8. Jänner 2012 in der Schirn Kunsthalle zu sehen.

Textfassung: Ruth Halle