Islands Adel

Wie schön könnte doch ein Dichterleben sein, wäre da nicht, ach, der Weltschmerz, dieses dumpfe Gefühl, ungeliebt und unverstanden durch das Leben wandeln zu müssen. Diesen Zustand kennt auch der Ich-Erzähler in "Islands Adel" von Thórbergur Thórdarson.

Er erzählt darin das Wanderleben eines Dichters und dessen Begegnungen mit Lyrikern, Dramatikern, Schriftstellern in Island nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Und weil man in einem langen Wanderleben viele Menschen trifft, ist es Thórdarson ein Anliegen, den zahlreichen Charakteren, die Eindruck auf ihn gemacht haben, viel Raum zu widmen.

Ein bisschen Melancholie

Da wäre etwa Jón Strandfjeld, der im Winter Schulkinder unterrichtet und im Sommer zu Land und auf See arbeitet. Jón ist ein Liebender, der mit der Hauptfigur ausgiebig über die Folgen unerfüllter Sehnsucht nachdenkt, aber auch über den Gottesbegriff auf Erden lange zu diskutieren weiß. Oder Sólon Gudmundsson, ein Bauernsohn und Gelegenheitsdichter, dessen Werk zum Großteil aus Vierzeilern besteht und der sich dem Reimzwang widersetzt, um seinen Gedanken freieren Lauf zu geben. Er dichtet um des Dichtens willen, erwartet sich keinen Ruhm und fährt jahrelang zur See.

Doch so ernst nimmt es Thórdarson mit der Melancholie nicht. Bisweilen ironisiert er sie behutsam, etwa in einem so poetischen und ironischen Satz wie: "Auf diesem leeren Sofa hatte sie gesessen, und als sie den rechten Fuß unter ihrem Rock hervorstreckte, zuckte die Kompassnadel meines Herzens direkt auf ihren großen Zeh." Gemeint ist der wundervolle Zeh der Geliebten, eines unerreichbaren Ideals, dem neben der Literatur das irdische Streben des Erzählers gilt.

Ohne Schwermut kein Leben

Dennoch beherrscht ihn ein Leiden an der Welt, das weniger seiner seelischen Konstitution als vielmehr dem Zeitgeist jener Jahre geschuldet ist. Man leidet, weil alle großen Männer gelitten haben und weil das Leben ohne Schwermut viel zu einfach wäre. Es scheint, als hätten sich die isländischen Dichter ihre affektierte Hoffnungslosigkeit aus Fernando Pessoas "Buch der Unruhe" abgeschaut, wenn das 1938 schon veröffentlicht gewesen wäre.

In diesem Jahr wurde der Roman "Islands Adel" publiziert, und Thórdarson blickt darin 26 Jahre zurück, nämlich auf Sommer und Herbst 1912, die bedeutungsschwer über Island sitzen, weil sich in jenen Monaten die verkannten Genies zu dichterischen Höhenflügen aufraffen - oder es vielmehr versuchen und dann aber doch nichts zustande bringen. Um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, schrubben sie Fischtrankessel, deren Gestank sich in die Poren der Haut einfrisst, und betäuben ihren Hunger mit stundenlangen Gesprächen und ein wenig Schnaps. Doch eines zeichnet den Ich-Erzähler aus: Sein Gedicht "Nacht" wurde im Frühjahr 1912 in der Zeitschrift "Ísafold" abgedruckt, sogar auf der Titelseite, und das ist ein Ereignis, von dem er den gesamten Roman hindurch zehrt. Je kleiner der Erfolg, umso größer das Selbstvertrauen.

Innenleben eines Außenseiters

Thórdarsons Geschichte ist weniger eine Reflexion über die isländische Gesellschaft als vielmehr eine Reise durch das Innenleben eines Außenseiters, eines Taugenichts in der Art von Joseph von Eichendorff. "So einen armseligen Deppen hat die Welt noch nicht gesehen", beschimpft er sich selbst und gibt zu, körperliche Arbeit zu hassen, weil sie einfach seine Kräfte übersteige.

Das Buch verarbeitet gleichzeitig das Lebensgefühl des ausklingenden Fin de Siècle in seiner isländischen Variante. Inwiefern freilich die Hauptfigur mit dem Autor übereinstimmt, mag eine reizvolle Frage sein, die einen durch die Lektüre begleitet. Einige Parallelen in Leben und Taten sind aber offenkundig: Autor und Erzähler verdingen sich als Schiffskoch, schuften im Straßenbau und ertragen die Plackerei in einer Heringsfabrik. Und da wäre noch die interessante Koinzidenz, dass die Hauptfigur in Thórdarsons Roman Thórbergur Thórdarson heißt.

Adel mit ärmlichem Gefolge

Islands Adel, so wird einem als Leser bald klar, das sind die Dichter, die sich "unverzüglich auf den Weg in diese unverdorbene Welt" gemacht haben, wie Thórdarson schreibt. Aber es ist ein Adel mit ärmlichem Gefolge, es besteht "lediglich aus ein paar offenen Wunden, wehmütigen Erinnerungen". Islands Adel ist eine Aristokratie des Geistes und nicht des Geldes oder des Besitzes. Sein Kapital sammelt er in der unerbittlichen Auseinandersetzung mit seiner Seelenlandschaft, um schließlich zu merken, dass man mit diesem Einsatz die Spiele des Lebens nur selten gewinnt.

Thórdarsons Roman läuft schließlich auf eine Nabelschau des Kunstbetriebs hinaus - oder vielmehr derer, die ihm angehören wollen, sich aber vorerst nur in künstlerische Pose zu werfen und die romantischen Vorstellungen davon zu bedienen vermögen, was einen wahren Dichter eigentlich ausmacht: Er ist unglücklich, sieht schwarz statt fern, kennt keine Hoffnung, lebt mit der Melancholie und hat, wenn er Glück hat, ein wenig Talent, das es ihm erlaubt, diese aufgesetzte Lebensmüdigkeit auch in Worte zu fassen. Wer die Idylle des Schmerzes stört, stört das Selbstverständnis des Dichters.

Als im Frühjahr 1912 die Angebetete des angehenden Lyrikers Stefan von Hvítadal dessen Zuneigung erwidert, bricht für diesen geradezu einen Welt zusammen. Liebesbekundungen des Gegenübers kennt das emotionale Programm eines echten Lyrikers nicht. Er muss nach der Liebe schmachten, sie zu genießen ist verpönt.

"Unsterbliche" Dichter

Äußere Handlung bietet der Roman nur wenig. Lebendig wird Thordarsons Erzähltes nur durch die genauen Porträts seiner Charaktere, eben der Dichter Islands, die den Eintritt des Ruhms in ihr Leben nach jeder Verszeile, die sie zu Papier gebracht haben, dringend erhoffen. Und wenn die Verse dann auch noch in einer Literaturzeitschrift abgedruckt werden, ja dann bekommt das Wörtchen "Unsterblichkeit" gleich einen anderen Ton.

Aber eigentlich braucht Thórdarson auch gar kein ausgefeiltes Handlungsgerüst, um seine Fähigkeiten auszuspielen. Die liegen nämlich in der sprachlichen Durchdringung eines unspektakulären Themas, vor allem aber in der unaufdringlichen ironischen Brechung seiner Figuren. "Islands Adel" ist also kein staubtrockener Künstlerroman, sondern ein Abstecher in die Vororte des Geistes, die vor allem von solchen Schriftstellern bewohnt sind, an die sich spätere Generationen kaum mehr erinnern werden. Diesem Schicksal ist Thórbergur Thórdarson entronnen.

Text: Ernst Grabovszki

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Thórbergur Thórdarson, "Islands Adel", aus dem Isländischen übersetzt von Kristof Magnusson, S. Fischer Verlag

S. Fischer - Islands Adel