Das Ende der Welt

Anfang der 1980er Jahre rumpelt es im Gemischtwarenladen des europäischen Kinos. Ein neuer Protagonist betritt die Szene - und vielen gilt er von Anfang an als ein Messias, als jemand mit dem Potenzial, die europäische Filmproduktionslandschaft in eine neue Richtung zu lenken: Lars von Trier.

Wie man mittlerweile weiß, hatten die Orakel Recht. Innerhalb der vergangenen dreißig Jahre hat sich der Däne Lars von Trier zum Poster-Boy des radikalen Autorenkinos europäischer Prägung gemausert. In einer Produktionslandschaft, die sich zunehmend dem Mainstream zuwendet, strahlen seine formalästhetisch extravaganten und inhaltlich radikalen Entwürfe wie ein einsamer Leuchtturm.

LVT statt JLG

Waren es vor wenigen Jahrzehnten noch Godards Insignien JLG, die Cineasten verzückten, so sehnt sich die Film-Community jetzt nach neuen Informationen des mysteriösen Propheten LVT.

Von Trier kontrolliert sein Image fast ebenso manisch wie seine Filme: Er inszeniert seine radikalen Gedanken für die Medien, genießt die aufbrandenden Kontroversen um seine Filme. Gemessen am Innovations- und Verstörungsgrad vieler von Trier-Arbeiten, muss man seine jüngste Arbeit fast als konventionell beschreiben. In "Melancholia" vernichtet er erstmals nicht nur eine einzelne Figur, sondern gleich die ganze Welt.

Wirklichkeit und Fantasie verschwimmen

Alles wird vernichtet. An einem zeitlosen Ort, in einem imposanten Schloss, beobachtet eine Hochzeitsgesellschaft den Himmel, der letztendlich den Untergang bringt. "Melancholia" ist, wie alle jüngeren Arbeiten von Lars von Trier, literarisch organisiert: Ein Prolog und ein Epilog umklammern zwei inhaltlich miteinander verknüpfte, aber um verschiedentliche Zentren zirkulierende Erzählfragmente. Im ersten, überschrieben mit "Justine", heiraten Kirsten Dunst und Alexander Skarsgard im engen Familienkreis.

Anstatt näher zusammen zu rücken, treiben die einzelnen Gäste allerdings beständig auseinander. Im Besonderen Justine vereinzelt: Angeleitet von gotischen Erzähltraditionen wandert die junge Frau über das ausufernde, dunkel-romantische Gelände, während Wirklichkeit und Fantasie zusehends ineinander rinnen. Immer wieder blickt sie in den Himmel, auf einen Stern, der heller leuchtet als alle anderen, aber letztendlich verschwindet.

Das Ende der Welt

Das zweite Kapitel von "Melancholia" rückt Claire stärker ins Zentrum. Während ihre jüngere Schwester Justine an Depressionen leidet, versteigt sich die Ehefrau und Mutter in Angstvorstellungen vom Ende der Welt. Der hell leuchtende Stern ist deshalb verschwunden, da sich der Planet Melancholia vor ihn geschoben hat. Anstatt eines funkelnden Punkts schwebt jetzt ein gewaltiges Gestirn über dem Geschehen. Wie ein Omen des drohenden Untergangs.

Während Medienberichte betonen, dass die Bahn des Planeten an derjenigen der Erde vorbei führen und es zu keiner Kollision kommen wird, macht sich im Schloss todessehnsüchtige Stimmung breit. Von Trier lässt seine Figuren dem Ende ganz unaufgeregt entgegen blicken. Wie in einem historischen Diorama leben und leiden sie vor sich hin, tun was sie immer tun in ihrem erstickenden Kosmos. Wer die Filme des dänischen Regisseurs kennt, der weiß auch, dass es ohnehin keine Hoffnung gibt: Am Ende der zweieinhalb Stunden wird Melancholia auf die Erde treffen und alles Leben auslöschen.

Aus der Perspektive der Frauen

Melancholia, der auf die Erde treffende Super-Planet, ist gleichzeitig Symbolgestalt für das Werk von Lars von Trier. Die Filme des 55-jährigen Dänen bewegen sich fast ausschließlich auf die Auslöschung der Figuren zu: mit psychopathologisch anmutender Manie führt er einen durch die emotionalen Universen seiner Geschichten, lässt in ihrer Ehrlichkeit und Anmut magisch wirkende zwischenmenschliche Momente aufkeimen, nur um letztendlich alles kaputt zu schlagen.

Die Welten von Lars von Trier implodieren, sie halten dem Druck - errichtet aus Hass, Neid, Missgunst und basalen Trieben - nicht stand. Um die Schockwirkung zu erhöhen, erzählt er fast ausschließlich aus weiblicher Perspektive: In seinem internationalen Durchbruchsfilm "Breaking the Waves" endet eine aufopferungsbereite Ehefrau als Lustfleisch für Seefahrer. In "Dancer in the Dark" geht eine blinde, verarmte Frau denselben Opfergang: Um ihrem Sohn eine Augenoperation zu ermöglichen, wird sie zur Verbrecherin und baumelt letztendlich am Strick. Und in "Dogville" gerät die anmutige Nicole Kidman ins Fadenkreuz einer primitiven Gesellschaft.

Kino als Ventil und Therapie

Die Unschuld stirbt tausend Tode im Kino von Lars von Trier - und das erlaubt tiefe Einblicke in die Seelenwelt des Ausnahmekünstlers. Von Trier selbst gibt mehrfach öffentlich zu Protokoll, dass er unter schweren Depressionen leidet: Sein Horrordrama "Antichrist" ist laut eigenen Aussagen aus seiner Psychopathologie heraus gewachsen. Das Kino, das war für ihn immer schon Ventil und Therapie.

Lars von Trier fühlt sich nicht als Teil der Gesellschaft, in der er lebt. Er blickt auf sie herab und hält ihr in seinem Kino einen Spiegel vors Gesicht. Sein Humor ist der Humor eines Gequälten, eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hat und deshalb alles sagen kann. Geschickt wie wenige andere spielt er auf der Aufmerksamkeitsklaviatur der Filmbranche: Über Jahre hinweg inszeniert er sich als radikal und unberechenbar, pflegt sein Selbstbild über provokante Aussagen und Stellungnahmen.

Exzentrische Persönlichkeit

Der hoch intelligente Lars von Trier weiß um die Supererzählung vom ewigen Rebellen, die Medien über sein filmisches Werk stülpen – und macht es für sich selbst verwendbar. Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes entgleiste von Trier Selbstdarstellungsdrang allerdings: Während der Pressekonferenz zu "Melancholia" tätigt er Aussagen zu Hitler, die zu einem weltweiten Skandal führten.

Mittlerweile hat Lars von Trier in einer Presseaussendung bekannt gegeben, dass er keine öffentlichen Stellungnahmen mehr tätigen wird. Es bleibt zu wünschen, dass seine exzentrische Persönlichkeit endlich hinter das Werk zurück tritt; dass der rebellierende Sohn von gegenkulturellen Bürgerlichen seine Schildbürgerstreiche sein lässt und Licht lässt auf sein aufwühlendes, einzigartiges, melancholisches Film-Universum.

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IMDb - Lars von Trier
Melancholia