Jiri Grusa gestorben

Der tschechische Schriftsteller, ehemalige Diplomat, Politiker und frühere Chef des internationalen PEN-Klubs, Jiri Grusa, ist im Alter von 72 Jahren gestorben. Das meldete das Tschechische Fernsehen am Freitag. Grusa war unter anderem auch tschechischer Botschafter in Österreich und Leiter der Diplomatischen Akademie in Wien.

Jiri Grusa

liest sein Gedicht "Botschaft"

Grusa sei am Freitag während einer Herz-Operation in einem Krankenhaus der deutschen Stadt Hannover gestorben, hieß es weiter. "Für das tschechische Zentrum des internationalen PEN-Klubs ist das ein harter Schlag und eine große Trauer. Wir hatten ihn wirklich sehr gern", sagte der Chef des tschechischen PEN-Klubs, Jiri Dedecek.

Der im ostböhmischen Pardubice am 10. November 1938 geborene Grusa, der auch als Übersetzer und Dichter tätig war, studierte in den 60er Jahren Philosophie und Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Prager Karlsuniversität.

Ein Jahr nach der Promotion gründete er 1963 die Zeitschrift Tvár ("Das Gesicht"), die erste nicht kommunistische Literaturzeitschrift, bei der auch sein Freund Václav Havel mitarbeitete. Eine Abrechnung mit der stalinistischen Ära bedeutete das Ende von Tvár.

Der Prager Frühling brachte zwar neue Hoffnung, doch folgten nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes Berufs- und Publikationsverbote und Verhaftung.

Grusa war eine bedeutende Figur der tschechoslowakischen Dissidentenszene und Mitunterzeichner der Charta 77. In den Jahren 1969 und 1970 wurde er verfolgt wegen der Veröffentlichung von acht Kapiteln seines Romans "Mimner" in einer Zeitschrift.

Jiri Grusa

über den Druck in der kommunistischen CSSR

1978 verbrachte er zwei Monate in Untersuchungshaft für die Samisdat-Herausgabe (Eigenverlag) seines Romans "Dotaznik" (auf Deutsch "Fragenbogen"). 1981 wurde ihm während eines Aufenthalts in den USA die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft aberkannt. In die Heimat kehrte er erst 1990 zurück. Im Exil lebte er vor allem in der Bundesrepublik Deutschland.

Nach der Rückkehr in die Tschechoslowakei war er tschechoslowakischer bzw. tschechischer Botschafter in Deutschland (1991-1997) und Österreich (1998-2004). In den Jahren 1997-1998 war er als Parteiloser Unterrichtsminister. 2003 wurde er zum Präsidenten des internationalen PEN-Klubs gewählt. 2005 bis 2009 übte er das Amt des Leiters der Diplomatischen Akademie in Wien aus.

Jiri Grusa hat, wie er selbst einmal sagte, drei Diktaturen erlebt. Die der Nazis, danach die der tschechischen Kommunisten bis 1968, und dann jene unter Sowjetherrschaft nach Niederschlagung des so genannten "Prager Frühlings". Grusa beweget sich in drei Lebenswelten, was sich unter anderem darin ausdrückte, dass er Mitglied des tschechischen, des deutschen und des österreichischen PEN-Clubs war.

Wie nur ganz wenige Literaten - etwa sein Landsmann Milan Kundera - wechselte Grusa die Arbeitssprache. Die Gedichtbände "Der Babylonwald" (1991) und "Wandersteine" entstanden auf Deutsch. Jiri Grusa sagte dazu: "Das war vielleicht die wichtigste Erfahrung meines Lebens. Meine Befreiung kam durch das Schreiben außerhalb der eigenen Sprache. Ich bin ein Beweis dafür, dass die Herkunft nicht die Zukunft bestimmt."