Wer schrieb Shakespeares Stücke?

Seit langem schon rätselt die Literaturwissenschaft, ob William Shakespeare tatsächlich der Urheber der ihm zugeschriebenen Werke war. Der Film "Anonymus" deckt jetzt auf der Kinoleinwand die wahre Identität des Schöpfers von "Hamlet", "Othello" und "Macbeth" auf. Das Überraschende dabei: Der Deutsche Roland Emmerich, sonst zuständig für opulent inszenierte Action-Epen, hat bei diesem Historiendrama Regie geführt.

Kultur aktuell, 08.11.2011

Mythenzertrümmerer

Viele haben sich gewundert: Gerade Emmerich, der in Filmen wie "Independence Day" oder "2012" bildgewaltig Mutter Erde in Schutt und Asche gelegt hat, schreibt die Geschichte des großen englischen Dramatikers neu. Sieht man genauer hin, ist der Wandel aber nicht allzu groß. Aus dem Weltenzertrümmerer ist einfach ein Mythenzertrümmerer geworden. Was Roland Emmerich auch gerne zugibt.

Emmerich folgt der verbreiteten Theorie, dass der Schauspieler William Shakespeare unmöglich die Bildung und die sprachlichen Fähigkeiten besessen haben konnte, um seine Dramen zu schreiben. Für ihn gilt deshalb der Graf von Oxford als der wahre Verfasser. Weil aber in hohen Adelskreisen das Handwerk des Schreibens als minderwertig betrachtet wurde, suchte der Graf jemanden, unter dessen Namen er seine Stücke auf die Bühne bringen konnte.

Fremde Lorbeeren

Emmerichs William Shakespeare ist ein gewissenloser Prolet, der sich ohne Zögern die fremden Lorbeeren aufsetzt und sich feiern lässt. Und Königin Elisabeth I., die den historischen Quellen nach kinderlos geblieben ist und deshalb als die jungfräuliche Königin bekannt war, hat bei Emmerich zahlreiche Affären und mehrere uneheliche Söhne. Was schließlich den eigentlichen Shakespeare, den Grafen von Oxford, angeht, so muss der, geschminkt und geziert durch die schlammigen Straßen von London stelzen.

Hauptdarsteller Rhys Ifans: "Er ist mysteriös und unnahbar, gleichzeitig hat er aber auch etwas Gefährliches und Flatterhaftes. Nach langen Diskussionen haben Roland Emmerich und ich also beschlossen, ihn wie das uneheliche Kind von David Bowie und Karl Lagerfeld anzulegen."

Keine historische Genauigkeit

Das Theater ist aber nicht nur Ort der Erbauung, Edward, der Graf von Oxford nutzt es auch, um Politik zu machen und mischt sich mithilfe seiner Dramen in die Thronstreitigkeiten ein.

Um historische Genauigkeit geht es Emmerich nicht. Wissenschaftler haben ihm gut zwei Dutzend schwerwiegende Fehler nachgewiesen. Als packendes Historiendrama funktioniert "Anonymous" aber erstaunlich gut, Kritiker sprachen sogar vom besten Emmerich-Film aller Zeiten. Realisiert hat er den übrigens mit einem Zehntel des Budgets, das er sonst für seine Weltuntergangsorgien benötigt. Was wieder einmal zeigt, dass weniger oft mehr sein kann.

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Anonymus