Montserrat Figueras gestorben

Die katalanische Sopranistin Montserrat Figueras, durch viele Konzerte an der Seite ihres Gatten Jordi Savall auch dem Wiener Publikum bekannt, ist am Mittwoch 69-jährig in Barcelona gestorben. Eine Würdigung von Bernhard Trebuch.

Montserrat Figueras, "El cant dels aucells" (Der Vogelgesang)

Bescheiden, natürlich, hohe Bühnenpräsenz, ein spontan einnehmendes Wesen und - eine "engelsgleiche Stimme", eine brillante Vokalistin, eine sehr attraktive Frau: Das sind Attribute die auf die spanische Sängerin Montserrat Figueras zutrafen. Ein Gesangsstar, der nicht wie üblich mit Opern von Mozart, Wagner, Rossini, Puccini oder Verdi Karriere gemacht hat. Nein, mit Monteverdi und der Musik vom Mittelalter bis ins Barock, damit hat die in Barcelona geborene Künstlerin im Konzert und auf Platte das Publikum begeistert, zu enthusiastischen Beifallsstürmen motiviert.

Die Anfänge

Ich kann mich sehr gut erinnern, wie ich als Teenager ihre Stimme vor über dreißig Jahren zum ersten Mal hörte: "El Barocco Espanol", Lieder aus dem alten Spanien mit Jordi Savall und Ton Koopman als Begleiter. Kunstvolle Lieder, die ihre Vorbilder in der Volksmusik haben, von Montserrat Figueras mit einer Leichtigkeit und Unbeschwertheit vorgetragen, die man damals - Mitte der 1970er Jahre - in Konzerten mit sogenannter E-Musik wohl kaum noch einmal finden konnte, ja noch heute zu den leider raren Erscheinungen am Musikmarkt zählt. Jedenfalls trug dieses Hörerlebnis wesentlich zu meinem damals gerade aufkeimenden Interesse an Alter Musik bei.

Hesses Traum

Alte Musik - zu jener Zeit war das noch eine Sache für Insider, für Spezialisten. Heute stellen wir fest, dass der Traum Hermann Hesses in seinem "Glasperlenspiel", dass eine der kulturellen Leistungen des 20. Jahrhunderts, die Wiederbelebung der Alten Musik sein wird, Realität geworden ist. Nie hat es eine Zeit gegeben, in der sich ein offenbar noch im Wachsen begriffenes breites Publikum für die Musik vergangener Jahrhunderte interessiert hat. Noch nie gab es so viele Sänger, Instrumentalisten und Dirigenten, die sich intensiv mit der zeitgemäßen Interpretation der Werke vom Mittelalter bis hin zur Romantik beschäftigen.

Die Ausbildung

Montserrat Figueras, 1942 in Barcelona geboren, hat wesentlich zum "Boom" der Alten Musik beigetragen. Aus einer von Musik begeisterten Familie stammend, studierte sie zunächst Gesang bei Jordi Albareda und Schauspiel, wurde Mitglied im Ensemble "Ars Musicae" unter der Leitung von Enric Gispert. Im "Revolutionsjahr" 1968 heiratete sie Jordi Savall, übersiedelte mit ihm nach Basel, wo sie an der Schola Cantorum studierte und ihre Ausbildung bei Kurt Widmer und Eva Krasznai abschloß. Von Anfang an interessierte sich Montserrat Figueras für die Musik früherer Jahrhunderte, spezialisierte sich auf das Studium alter Gesangstechniken.

Hespérion XX

Vor beinahe vierzig Jahren gründete sie gemeinsam mit Jordi Savall und weiteren gleichgesinnten Musikerfreunden ein Ensemble, dessen Name sich von Spanien ableitet, "Hespérion XX". Längst war die Gruppe in allen internationalen Konzertsälen, bei allen großen Festivals zu Gast, konnte bei Publikum und Kritikern uneingeschränktes Lob einheimsen. Die Platten wurden mit allen zu vergebenden Preisen ausgezeichnet.

Zu den größten Erfolgen der Sängerin und Jordi Savalls zählt der Soundtrack zu "Tous les matins du monde" ("Die siebente Saite"). Allein in Frankreich wurden davon über siebenhunderttausend Stück verkauft, die CD kam schaffte sogar eine Reihung in den "Pop-Charts". Unerreicht auf dieser Produktion für mich: Montserrat Figueras mit einem alten französischen Volkslied und einer Leçon von François Couperin.

Musikalische Entdeckerin

Wohl das größte Verdienst dieser einzigartigen Musikerin ist das Bekanntmachen mit zu Unrecht in Vergessenheit geratener Musik, mit musikalischen Traditionen, wie etwa den Liedern der Sepharden, der aus Spanien vertriebene Juden, oder der Anthologie von Wiegenliedern.

Freilich wurde das Repertoire im Lauf der Zeit erweitert. Montserrat Figueras sang Lieder vom Mittelalter bis Mozart, trat in Opernproduktionen auf. Für mich war dabei immer faszinierend und wohltuend, wie sehr es ihr gelang ihre starke, warmherzige Persönlichkeit in die Interpretation einzubrigen, sei es bei einer schlichten spanischen "Cantiga de Santa Maria" aus dem 13. Jahrhundert oder einer virtuosen Arie von Vivaldi. Montserrat war im antiken Sinn authentisch, wahr, echt und das muß überzeugen, weil es nie darum geht - ja gehen kann - Musik so zu interpretieren, wie sie Monteverdi aufgeführt hat.

Freilich: Musiker/innen ihrer Kategorie gibt es nicht sehr oft und Sänger/innen schon gar nicht. Doch Montserrat Figueras gab ihr Wissen und ihre Erfahrungen in Kursen an viele Schüler/innen und natürlich auch an ihre Kinder weiter. Mit diesen, Arianna und Ferran, sowie ihrem Mann Jordi trat sie u. a. auch bei den "Resonanzen" auf.

In der Nacht vom 22. auf den 23. November 2011 ist Montserrat Figueras verstorben.

Text: Bernhard Trebuch, ORF Producer Alte Musik