Das Ende

Mit seiner großen, 2000-seitigen Hitler-Biografie ist Ian Kershaw Ende der 1990er Jahre berühmt geworden. Nun hat der britische Historiker Kershaw ein neues Werk vorgelegt. Der 68-jährige Brite beschäftigt sich darin mit der Schlussphase des "Dritten Reichs".

Funktionierende Bürokratie

Der Krieg war verloren - daran konnte im Jänner 1945 niemand mehr zweifeln in Deutschland. Die alliierten Truppen hatten das Rheinland erobert, im Osten stand die Rote Armee 80 Kilometer vor Berlin. Warum, so fragt Ian Kershaw in seinem Buch, warum haben Millionen deutsche Soldaten bis zum Schluss erbittert gekämpft, obwohl die heraufdräuende Niederlage doch für jeden ersichtlich war? Warum hat die deutsche Zivilverwaltung auch in der apokalyptischen Schlussphase des Kriegs noch relativ effizient gearbeitet?

"Die Bürokratie hat bis zum Schluss funktioniert", so Kershaw im Gespräch. "Die Leute wurden mit Lebensmitteln versorgt. Die Lieferung von Munition und Waffen an die Truppe hat funktioniert. Das waren alle Anzeichen für einen modernen Staat. Wenn der Staat weniger modern gewesen wäre, hätte es natürlich nicht so gut funktioniert. Aber das Erstaunliche ist, dass so viel noch funktionieren konnte."

Kershaw bringt in seinem Buch noch andere verblüffende Beispiele für das Funktionieren der deutschen Zivilverwaltung. Bis in den April 1945 hinein wurden ordnungsgemäß Löhne und Gehälter bezahlt im "Dritten Reich". Vier Tage vor Beginn des sowjetischen Angriffs auf die Reichshauptstadt gaben die Berliner Philharmoniker noch ein Konzert, man spielte - passend zur Kriegslage - das Finale aus Richard Wagners "Götterdämmerung", und zwei Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation des Generalobersts Jodl in Reims fand das letzte Fußballspiel in der Geschichte des "Dritten Reichs" statt: Der FC Bayern München, "Gaumeister" des Jahres 1945, schlug den TSV 1860 mit 3:2.

Revolution von unten unmöglich

Wie war das alles möglich? Warum hat das deutsche Volk den Wahnsinn des Krieges bis zum unaufschiebbaren Zusammenbruch erduldet, ohne wie im November 1918 einen Aufstand oder eine Revolution vom Zaun zu brechen?

Ian Kershaw gibt eine wenig überraschende Antwort: "Die Antwort lautet: Terror. Der Terror war so groß, dass eine Revolution von unten unmöglich war. Im Gegensatz zu 1918. Wenn man 1945 und 1918 vergleicht, sieht man gleich den Unterschied. 1918 gab es noch ein Parlament, es gab politische Parteien und sogar eine Art Friedensbewegung; es gab keine Gestapo, keinen Terrorapparat, das war grundsätzlich anders. Es gab auch keine feindlichen Soldaten auf deutschem Boden. Und erst recht keine russischen Soldaten. Also, die Situation 1945 war vollkommen anders als 1918. Der Terror reichte vollkommen aus, um eine Revolution von unten auszuschalten."

Aber es war nicht der Terror allein. Auch wenn die Massenbasis der Nationalsozialisten im Frühjahr 1945 bis auf die Gläubigsten der Gläubigen zusammengeschrumpft war, fremde Truppen wollte kaum jemand im Land haben. Deshalb wurde weitergekämpft.

"Man kann anhand von vielen Indizien sagen, die Unterstützung für die Partei ging weit runter", sagt Kershaw. "Hitlers Popularität war in freiem Fall. (...) Niemand wollte fremde Truppen im Land haben. (...) Es gab einen Grundkonsens zur Reichsverteidigung. (...) Man muss unterscheiden zwischen der Popularität von Hitler und der Popularität der Verteidigung des Landes."

"Ehre" und "Pflicht"

Auf anschauliche Weise beschreibt Ian Kershaw in seinem 700-seitigen Werk den Untergang des Hitler-Reichs. Beeindruckend die Detailkenntnis, mit der der 68-jährige Brite die Befehlsstrukturen des Dritten Reichs bis ins dritte und vierte Glied hinein aufdröselt, wie brillant er sich auch in die Denkweise der Wehrmachtsgeneralität hineinzuversetzen versteht.

Die Führung des Heeres durchschaute den militärischen Irrsinn Hitlers in der Schlussphase des Kriegs sehr wohl, wagte aber nicht aufzubegehren gegen den obersten Befehlshaber. Welche Mechanismen waren da Kershaws Einschätzung zufolge wirksam? Waren es die unheilvollen Traditionen des autoritären preußischen Militarismus, die da nachwirkten?

"Ich würde es nicht unbedingt nur auf das Preußentum zurückführen. Aber immerhin wussten die Nazis diese alten Begriffe wie Ehre und Pflicht auszubeuten, (...) alles zu tun, um weiterzukämpfen und den Krieg zu verlängern, selbst wenn Deutschland in Scherben fiel."

Hitlers Allein-Herrschaft

Die Haupterklärung, die Ian Kershaw anbietet für die bizarre Fügsamkeit, mit der die Mehrzahl der Deutschen ihrem "Führer" in die Götterdämmerung des Dritten Reiches hinein folgte, die Haupterklärung, die Kershaw offeriert, ist eine strukturelle: Anders als etwa das faschistische Italien war das nationalsozialistische Deutschland tatsächlich ein "Führerstaat". Mussolini musste während seiner gesamten Amtszeit bis zu einem gewissen Grad Rücksicht nehmen auf König Viktor Emanuel III. und den "Großen Faschistischen Rat", der ihn im Juli 1943 auch absetzte. Das bedeutete eine partielle Machtteilung.

Etwas Vergleichbares gab es in Deutschland nicht. Hitler war nichts und niemandem Rechenschaft schuldig, es gab keine Institution, mit der er sich zumindest teilweise hätte abstimmen müssen. Und da Hitler beschlossen hatte, den Krieg in ein selbstzerstörerisches Armaggedon münden zu lassen, musste ihm das deutsche Volk mehr oder minder widerspruchslos folgen.

Keine Führerbegeisterung mehr

Was der Soziologe Max Weber als System der "charismatischen Herrschaft" definiert hat, im "Dritten Reich" war es in düsterer Beispielhaftigkeit verwirklicht. Paradoxerweise handelte es sich in der Schlussphase des Kriegs um eine charismatische Herrschaft ohne Charisma, denn mit der Führerbegeisterung war es nicht mehr allzu weit her.

Die Strukturen und Mentalitäten von Hitlers charismatischer Herrschaft blieben aber bis zum Selbstmord des Diktators im Führerbunker wirksam. Und die Funktionseliten des "Dritten Reichs" in der Ebene unter Hitler waren entweder zu zerstritten oder zu feige, oder sie verfügten nicht über die nötige Macht, um Hitlers selbstmörderischem Treiben ein Ende zu setzen.

Großes Geschichtskino

Auch in seinem neuen Buch erweist sich Ian Kershaw als Koryphäe auf dem Feld der "narrativen Geschichtsschreibung". In historiographischem Cinemascope bietet der britische Historiker eine einprägsame Interpretation der letzten Kriegsmonate. Es ist großes, ganz großes Geschichtskino, was Kershaw seinem staunenden Publikum da vorführt.

"Natürlich ist es sehr wichtig, dass alles wissenschaftlich genau ist", so Kershaw. "Aber vornehmlich sollte dieses Buch auch für Normalleser lesbar sein und nicht nur für ein kleines akademisches Publikum."

Service

Ian Kershaw: "Das Ende - Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland 1944/45", aus dem Englischen übersetzt von Klaus Binder, Bernd Leineweber und Martin Pfeiffer, DVA

DVA - Das Ende