Dinosaurier!

Als Steven Spielberg 1993 den Film "Jurassic Park" herausbrachte, war das der Startschuss zu einer nie da gewesenen Dino-Mania. Eine "Vergessene Welt", die der deutsche "Künstler-Forscher" Alexis Dworsky nun unter völlig neuen Voraussetzungen wieder entdeckt hat.

Das Bild, das wir uns machen

"Sie sind groß, wild und ausgestorben - oder mit anderen Worten: aufregend gefährlich, aber in sicherer Entfernung" Stephen Jay Gould, Evolutionstheoretiker

"Er ist ein kulturelles Symbol, das in seiner Vielfalt an Bedeutungen und seiner häufig widersprüchlichen Natur emblematisch für die moderne Gesellschaft ist." W.J.T. Mitchell, Kunsthistoriker

Gegenstand der "fröhlichen Wissenschaft" des Alexis Dworsky ist nicht der Saurier selbst, sondern das Bild, das wir uns von ihm machen. Seine frühere Existenz gilt zwar als erwiesen, doch lebend hat ihn keiner von uns je zu Gesicht bekommen. Unser gedankliches Bild von ihm gibt es nur aufgrund künstlich geschaffener Abbildungen. Und die gibt es seit Tausenden Jahren. Wie sie gestaltet wurden, war stets abhängig von den jeweiligen technischen Möglichkeiten.

Von Monstern und Drachen

Dworsky erzählt folglich die kulturelle Evolution der Saurier und konzentriert sich vor allem auf die Verzahnung verschiedener Bereiche, wie etwa der Naturwissenschaft, der Populärkultur, der Politik, der Wirtschaft oder der Kunst.

Die ersten Dinosaurier-Fossilien sind wahrscheinlich schon vor Tausenden Jahren gefunden worden, wobei ihre wahre Natur noch nicht erkannt wurde. Lange Zeit glaubte man es mit den Überresten von Monstern zu tun zu haben. Drachen etwa galten als ebenso reale Tiere wie heute die Saurier.

Die Geschichte dieser Funde und deren damit verbundenen Phantasien sind voller Skurrilitäten. So nimmt man an, dass die Schädel von Zwergelefanten, die früher auf Inseln im Mittelmeer gelebt haben, dafür verantwortlich sind, dass der Mythos vom Zyklopen entstand. Diese einäugigen Riesen, bekannt aus zahlreichen antiken Sagen, sollen nichts anderes als eine Fehlinterpretation sein. Die gefundenen Schädel hatten aufgrund des Rüssels ein großes Loch. Dieses wurde offenbar als Auge gesehen.

Gigantische Eidechsen

Vor rund 200 Jahren wusste die Welt noch nichts Konkretes über Dinosaurier. Bis die damals 13-jährige Mary Anning beim Spielen an der Südküste Englands ein rätselhaftes Skelett entdeckte. Ihr Fund, der später als Ichthyosaurier bekannt wurde, führte nicht nur zur Gründung einer neuen Wissenschaft, sondern erschütterte das damals herrschende Weltbild in seinen Grundfesten.

1842 verwendete der britische Anatom Richard Owen erstmals das Wort "Dinosauria". Um den regen Wandel unserer Vorstellungen in den letzten 200 Jahren nachvollziehen zu können, hat Dworsky sechs idealtypische Saurierbilder konstruiert.

Zunächst waren die Saurier einfach nur gigantische Echsen. "Rieseneidechsen", die als alles verschlingende Bestien in einer höllenartigen Urwelt lebten. Das danach für das viktorianische Zeitalter vorherrschende Bild bezeichnet Dworsky als "Krone der reptilischen Schöpfung". Der Saurier galt plötzlich als Symbol des Fortschritts und wurde als britisches Phänomen vereinnahmt. Im Inneren einer gusseisernen Nachformung eines Iguanodons im Londoner Crystal Palace, prosteten sich die Dinosaurier-Entdecker Owen und Co. zu und besangen ihre eigenen Heldentaten mit den Worten: "The jolly old beast is not deceased! There's life in him again!"

Rasante Zweibeiner

Danach wurden die Saurier im Lichte der Evolutionstheorie völlig neu wahrgenommen. Aus den zumeist schwerfälligen Megatonnern wurden "rasante Zweibeiner". Der Fund des Archaeopteryx, des sogenannten "Urvogels", deutete auf ein Wesen hin, das sowohl Federn, als auch einen reptilienartigen langen Schwanz besaß.

Den Urzeitwesen wurden jetzt sogar schier unglaubliche Fähigkeiten zugeschrieben. Der amerikanische Zoologe Edward Drinker Cope:

Krieg der Forscher

Für weite Teile des 20. Jahrhunderts wurde dem Saurier seltsamerweise doch wieder die Rolle des "schwerfälligen Kolosses" zugeschrieben. Als riesig, plump, reptilienartig und dumm galt er. Der gigantische Brontosaurus trat in vielen Darstellungen in den Vordergrund. Auf der metaphorischen Ebene mutierte er immer mehr zu einem US-Symbol. Schuld daran war unter anderem der Krieg der Knochenjäger Cope und Marsh, die sich in Wild-West-Manier Duelle um immer spektakulärere Funde lieferten.

Fast ein Nationalsymbol

Dworsky beschreibt, vom Wildwest-Mythos ausgehend, wie der Saurier für die USA etwas Ähnliches wie Mickey Mouse, Coca Cola oder Kaugummi wurde: ein fast allgegenwärtiges Nationalsymbol der Trivialkultur, das als "Schizosaurus" im Kalten Krieg zum Kennzeichen des drohenden Untergangs wurde. Visuelle Analogien vom Atomkrieg und einem die Dinosaurier vernichtenden Asteroidenszenario unterstreichen diese Sichtweise sehr anschaulich.

Heute, so der Autor im abschließenden Kapitel "Informationsvögel", erscheinen Saurier wieder wendig, klug, lebhaft und möglicherweise sogar warmblütig. Eine perfekte Hülle - nicht nur für die Werbung. Jeder füllt - und das ist das große Verdienst von Dworksys bildreichem Buch - dieses "mediale Gefäß Dinosaurier" mit den jeweils genehmen Inhalten.

Service

Alexis Dworsky, "Dinosaurier! Die Kulturgeschichte", Wilhelm Fink Verlag

Wilhelm Fink Verlag