Wie Menschen zu Fanatikern werden

Was bringt Menschen dazu, sich und andere bei Selbstmordanschlägen in den Tod zu reißen? Was treibt sie dazu, in blindwütigem Rassenhass unschuldige Menschen zu töten? Kurz: Wie werden Menschen zu Fanatikern? Der Gestalttherapeut Johann Lauber versucht, dies in seinem neuen Buch zu beantworten.

Auf die Kindheit kommt es an

Wenn es in der frühen Kindheit nicht gelingt, so Laubers These, eine als stimmig erlebte Identität zu entwickeln, entsteht eine wesentliche Voraussetzung für späteren Fanatismus.

Die wichtigsten Aspekte sind dabei das Verbundensein mit dem eigenen Herkunftssystem und die Geschlechtsidentifikation, das heißt, dass man sich als Mädchen oder als Bub erlebt.

Selbst- und Fremdwahrnehmung

Wesentliche Stadien der Identitätsbildung erfolgen in den ersten drei Lebensjahren. In dieser Zeit müssen Selbst- und Fremdbilder der eigenen Person immer wieder aneinander angeglichen werden. Wenn Selbst- und Fremdwahrnehmung übereinstimmen, kann man von einer geglückten Identitätserfahrung sprechen.

Neben der Entwicklung der Identität ist auf dem Weg zum Erwachsensein eine weitere Entwicklungsaufgabe zu meistern, die Integration.

Wenn Heranwachsende die Erfahrung machen, auch dann angenommen zu sein, wenn sie anstrengend sind und Probleme verursachen, kann sich eine Sowohl-als-auch-Identität herausbilden, die mit Widersprüchen zurechtkommt.

Die Stunde der Hassprediger

Wenn nun die eigene Großgruppe in eine Bedrohungssituation gerät, durch Massenarbeitslosigkeit, Krieg, Vertreibung oder kulturelle Entwurzelung, dann schlägt die Stunde von Führern oder Hasspredigern.

Wie Lauber am Beispiel von Stalin, Hitler und Milosević zeigt, können in solchen Situationen Führerpersönlichkeiten mit einer Ideologie, die die Welt klar in Gut und Böse, in Freund und Feind einteilt, den Menschen Halt bieten und sie für ihre Zwecke instrumentalisieren. Armut ist für Fanatismus übrigens kein hinreichender Faktor.

Verstörende fremde Kultur

Anders die Attentäter vom 11. September 2001. Mohammed Atta zum Beispiel stammte aus einer moderaten, wohlhabenden Familie. Lauber vermutet jedoch, dass er in einer psychisch belastenden Familienatmosphäre aufwuchs, mit einem distanzierten Vater und einer Mutter, die sich selbst geringschätzte, dafür aber ihren Sohn verwöhnte. Als er dann nach Deutschland in eine völlig fremde Kultur kam, könnte ihn das stark verunsichert haben.

Im fundamentalistischen Islam, so Laubers These, dürfte Mohammed Atta wieder eine kulturelle Identität gefunden haben.

Heilmittel bürgerliche Familie

Johann Lauber ist Arzt und er hat eine Medizin gegen den Fundamentalismus. Da er die Ursache primär im Familiären sieht, findet er dort auch das Heilmittel: die gute, alte, bürgerliche Familie.

Theorie ohne Praxis

Kindern in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens oder in Pakistan wird dieses Rezept wenig helfen. Hier zeigt sich die gravierendste Schwäche von Johann Laubers Buch. Im Klappentext wird zwar auf 30 Jahre Erfahrung als Psychotherapeut verwiesen, doch mit Fanatikern hatte Lauber, soweit man es dem Buch entnehmen kann, keinen persönlichen Kontakt.

Das einzige Fallbeispiel aus eigener Praxis handelt von einem Mädchen bosnischer Abstammung, das Schuldgefühle gegenüber ihrem Vater entwickelte. Mit Fanatismus hat das nichts zu tun. Lauber zitiert aus dem Testament des 9/11-Attentäter Mohammed Atta – näher kommt er Fanatikern in seinem 270 Seiten starken Buch jedoch nicht.

Daher bleibt seine Auseinandersetzung mit dem Fanatismus blass. Er hat eine Theorie vorgelegt, die das Individuelle und Familiäre betont und dabei politische und gesellschaftliche Umstände in den Hintergrund rückt. Besteht Laubers Fanatismus-Theorie den Praxistest, wenn man sie anhand der Biografien von Fanatikern überprüft? Johann Lauber bleibt die Antwort schuldig.

Service

Johann Lauber, "Wie Menschen zu Fanatikern werden. Fundamentalismus - ein Befund", Molden