Wahlkampfstimmung im kulturellen Russland

Am 4. März 2012 wählt Russland einen neuen Präsidenten, wobei der Sieger schon feststeht: Regierungschef Putin wird zum dritten Mal das höchste Amt im Land übernehmen. Der Wahlkampf wird dennoch hitzig und emotional geführt, seit Wochen gehen ja zigtausende Regierungskritiker auf die Straßen, um gegen die Staatsmacht zu protestieren.

Angeführt werden die Proteste auch von prominenten Namen aus der Kulturwelt. Dem versucht Putin zu begegnen, indem auch er berühmte Kulturschaffende um sich schart.

Kultur aktuell, 01.03.2012

"Rodina"-Heimatland: Der populäre Sänger Juri Schewtschuk singt sein Protestlied aus der Zeit der Perestroika während einer Großdemonstration in Moskau gegen Wahlfälschungen und gegen Regierungschef Putin. Die zigtausenden Demonstranten ruft Schewtschuk auf, Russland, ihre Heimat, zu schützen, sich friedlich und mit Liebe für sie einzusetzen.

Einsatz für ihr Land und gegen politischen Stillstand zeigen derzeit viele prominente Kulturschaffende. So gründete der renommierte Krimi-Starautor Boris Akunin den politisch unabhängigen Verein "Wähler-Liga", der sich für ehrliche Wahlen einsetzt und organisiert mit führenden Oppositionellen die Protestdemonstrationen gegen die Staatsmacht.

"Wir brauchen endlich eine normale Demokratie in Russland", sagt Akunin, "mit Gewaltenteilung und freien Medien. Ganz egal, ob Putin zum Präsidenten gewählt wird oder nicht. Dieser Prozess hat begonnen und ist nicht mehr aufzuhalten."

Ausverkauftes Stück "Berlusputin"

Die Kritik an Putin hat längst auch die Theaterbühnen erobert. Derzeit läuft in einem Moskauer Kellertheater eine politische Satire namens "Berlusputin". Das Stück nach einer Novelle von Dario Fo ist ständig ausverkauft. Gezeigt wird eine Figur, die zwei Gehirnhälften hat, eine von Berlusconi und eine von Putin. Eine bitterböse Abrechnung nicht nur mit der realen Männerfreundschaft der beiden Macht-Politiker, sondern auch mit der schon zwölf Jahre dauernden politischen Ära Putin.

Regisseurin Warwara Fajer hat die jüngste politische Proteststimmung in die Satire von Dario Fo einfließen lassen. Auch sie tritt offen gegen das Putin-Regime auf. Zwar sei Theater in Russland politisch frei, sagt Regisseurin Warwara Fajer, unabhängige Künstler würden jedoch einfach ausgehungert:

"Ich bin ausgebildete Filmregisseurin, wurde sogar schon in Hollywood ausgezeichnet. Hier in Russland habe ich jedoch noch nie eine Kopeke Förderung erhalten, weil ich nicht der Sohn oder die Tochter von einem Putin-Freund bin. Bei uns braucht man nicht Talent, sondern Beziehungen."

Prominente Unterstützer

Doch es gibt auch berühmte Künstler, die Putin unterstützen. Zu ihnen gehören etwa Operndiva Anna Netrebko und Stardirigent Valerij Gergiew. Auch der renommierte Moskauer Theater-Intendant Oleg Tabakow spricht sich in einem Wahlkampfvideo für Putin aus: "Ich stimme für Putin, weil er sich auskennt und weil er sich bemüht, ein guter und ehrlicher Mensch zu sein. Auch wenn ihm nicht alles gelingt, er ist ehrlich."

Doch solche Stimmen können nicht wettmachen, dass der Protest gegen Putin und seinen Machtapparat in der Kulturszene besonders heftig ist. Wenn auch nicht alle politischen Forderungen so radikal sind wie jene der berühmten Aktionskünstler der Gruppe Woina. Sie, die seit Jahren mit öffentlichen Provokationen gegen Putins Regime protestieren, verlangen nicht weniger als eine Revolution, so der Kopf der Gruppe, Oleg Worotnikow:

"Friedliche Demonstrationen bringen nichts. Wir wollen eine Revolution, ohne Blutvergießen natürlich. Die jetzigen Oppositionellen sind zu keiner Revolution in der Lage, mal sehen, ob wir es schaffen."