Heimkinder oft im Ausland untergebracht

Österreichische Kinder- und Jugendanwälte kritisieren, dass Heimkinder oft zu weit weg von ihrem Elternhaus untergebracht werden. Derzeit sind 84 österreichische Kinder und Jugendliche sogar im Ausland. Die befürchteten Folgen: Entwurzelung der Kinder und kaum Kontrollmöglichkeiten für die Jugendwohlfahrt.

Morgenjournal, 27.3.2012

Zu wenige Einrichtungen im Inland

Vor allem die westlichen Bundesländer Tirol, Salzburg und Vorarlberg haben Heimkinder im Ausland untergebracht. 38 Kinder und Jugendliche aus Tirol, 17 aus Salzburg und 10 aus Vorarlberg haben zuletzt großteils in spezialisierten Wohngemeinschaften im benachbarten Deutschland gelebt - zum Teil auch weil es im Inland zu wenige geeignete Einrichtungen gibt.

Keine Kontrolle im Ausland

Das kann zu massivem Kontrollmangel führen, sagt der Vorarlberger Kinderanwalt Michael Rauch. In einer deutschen Einrichtung dürften Vorarlberger Kinder zuletzt geschlagen und getreten worden sein. "Die Vorarlberger Jugendwohlfahrt kann natürlich nicht im Ausland als Aufsichtsorgan für Heime oder stationäre Einrichtungen auftreten," weder vorbeugend noch jetzt aufklärend. Die deutschen Behörden ermitteln. Bis Sommer sollen sieben betroffene Kinder zurück nach Vorarlberg geholt werden.

Verstreut über Europa und Afrika

Rauch meint sinngemäß auch, dass man ursprünglich versucht habe, Jugendliche quasi ins Ausland loszuwerden, mit denen man nicht mehr zurechtkam. Auskünfte aus den Bundesländern Kärnten und Steiermark zeigen: Einzelne Jugendliche werden auch in Spezialeinrichtungen in Frankreich, Spanien, Portugal, ja sogar in Polen, Griechenland und Namibia untergebracht - vermittelt oft durch eine deutsche Organisation.

Kontakt reißt ab

Die steirische Kinderanwältin Brigitte Pörsch befürchtet eine völlige Entwurzelung der Jugendlichen. Sie kritisiert außerdem, dass alleine aus der Steiermark 270 Kinder in Wohngemeinschaften in anderen Bundesländern untergebracht sind. Damit werde es schwer bis unmöglich, den Kontakt nach Hause zu halten. "Für Kinder, die an Geschwistern hängen, ist das wirklich ein Wahnsinn", so Pörsch.

Auslaufende Praxis?

In den Jugendabteilungen der Länder wird hingegen betont, dass die Kinder möglichst grenznahe und wohnortnahe untergebracht würden. Im Einzelfall - etwa nach massiver Gewalt in der Familie oder bei intensivem Kontakt in die Drogenszene - könne eine größere Entfernung vom Heimatort auch sinnvoll sein. Unterbringungen im Ausland würden nur mit Einverständnis der Jugendlichen erfolgen, heißt es aus der Steiermark. Und in den meisten Bundesländern scheint man von Unterbringungen im Ausland auch zunehmend abzukommen. Früher dürften noch deutlich mehr Heimkinder im Ausland gelebt haben als die aktuell 84 Betroffenen.