Die "Café Sonntag"-Glosse von Paul Chaim Eisenberg

Im allgemeinen lachen die Menschen über die Schwächen ihrer Zeitgenossen; man lacht über die geizigen Schotten, über die einsilbigen Engländer, über die geschwätzigen Italiener, über die blasierten Neureichen, über die armen Stotterer, über die tierisch-ernsten Bürokraten usw.

Paul Chaim Eisenberg

Der Jude hingegen lacht in erster Linie über sich selbst, über sein Schicksal, das ihn zwei Jahrtausende lang der Willkür fremder Herrscher auslieferte, die ihm mit immer neuen Schikanen das Leben verbitterten. Er lachte über die Armut, die nicht selten sein Los war, bedingt durch das ständige Wandern und die Einschränkungen, die ihm der in der Ausübung eines Handwerks oder Berufs auferlegt wurden. Er machte sich über diejenigen unter seinen Glaubensbrüdern lustig, die der hebräischen Sprache nicht mächtig waren und denen beim Lesen in der Bibel und im Gebetbuch manchmal gravierende Fehler unterliefen.

Der Jude erfand sogar seine eigenen "Burgenländer" in Form eine Städtchens in Polen: In "Chelm" waren die Einwohner - vom Gemeindevorsteher bis zum Wasserträger - richtige Narren, auf deren Kosten man sich lustig machen konnte. Dass man eine Stadt erfinden musste, deren Einwohner die Rolle der Naiven unter den Juden übernehmen sollten, zeugt für die Seltenheit jüdischer Narren…

Der jüdische Witz zeichnet sich durch die scharfsinnige Pointe aus, die zumeist völlig unerwartet aufblitzt, wie auch durch die tragikomische Situation, die er zum Thema hat und die bewusst übertrieben und ad absurdum geführt wird. Er hat oft einen bitteren Beigeschmack, weil er häufig auch Selbstmitleid ausdrückt. Indessen hat der jüdische Witz stets ein therapeutische Wirkung gehabt; Er zieht das Leid und die Spannung ins Lächerliche - so werden sie erträglicher. Er macht die Peiniger zu lächerlichen Figuren und macht sich über Hunger und Elend Lustig, womit er ihnen die Schärfe nimmt.

Der Jude hat die Gabe, dich sofort auf neue Situationen einzustellen und sie humorvoll zu kommentieren. So entstand in den ersten Jahren des Naziregimes eine Flut von jüdischen Anti-Naziwitzen, die die neue neuen Herrscher und ihre Rassengesetzte ins Lächerliche zogen und so zur einzig möglichen Form des Widerstandes gegen die brutale Diktatur wurden. Gleiche geschah in Russland, als die Kommunisten dort die Macht übernahmen und den Juden mir Gewalt die Ausübung ihrer Religion und Kultur verboten. So entstand auf der einen Seite der jüdische anti-braune, auf der der anderen Seite der anti-rote Witz - beide griffen mit bissiger Ironie die totalitären Regime an, auch wenn nur in verbaler Form und meist hinter geschlossener Türen.

Der Wiederaufbau des Staates Israel nach 1900 Jahren Diaspora eröffneten dem jüdischen Humor neue Horizonte und gaben ihm eine Fülle von neuen Impulsen. Es entstand der israelische Witz, der die völlig neue Situation meisterhaft zu kommentieren verstand. Der israelische Humor handelt von den neuen Immigranten und ihren Integrationsschwierigkeiten, der jungen aber bereits sehr fortgeschrittenen Bürokratie, wie auch in den vorlauten, mit ihrem Geld protzenden amerikanischen Touristen. Jede Phase der Entwicklung des jungen Staates Israel fand im israelischen Witz ihren treffenden Niederschlag. Sie war wegen der Masseneinwanderung der nordafrikanischen Juden und der der dadurch entstandenen Lebensmittelknappheit eingeführt worden; So konzentrierte sich der israelische Humor in den 80er Jahren auf die galoppierende Inflation, die dem Staat Israel endlich einen Weltrekord einbrachte - 220 Prozent- , den Israel vergeblich auf sportlichem Gebiet gesucht hatte…

Parallel zu Israel hatte sich inzwischen auch in den Vereinigten Staaten Amerikas ein spezifisch jüdisch-amerikanischer Humor entwickelt. Der machte sich über die sprachlichen Schwierigkeiten lustig, mit denen die meist aus Osteuropa eingewanderten jiddisch sprechenden Juden konfrontiert wurden, und auch über die Bemühungen dieser Neuwanderer, von der etablierten amerikanischen Gesellschaft akzeptiert zu werden.

Somit haben Israel und Amerika heutzutage den Platz eingenommen, der jahrhundertlang die jüdischen Massen in Europa mit scharfsinnigem Humor bereicherte.