Kassiopeia

Mit ihrem Roman "Eisflüstern" und dem Erzählband "Auf offenem Meer" hat sich Bettina Balàka in den letzten Jahren einen guten Namen gemacht innerhalb der österreichischen Gegenwartsliteratur. Nun hat die in Wien lebende Autorin im Haymon-Verlag einen neuen Roman vorgelegt: "Kassiopeia" heißt er.

Schauplatz der Liebesgeschichte mit tragikomischem Hintergrund ist ausgerechnet Venedig. Das zeigt: Bettina Balàka ist eine wagemutige Autorin, denn ein ausgeleierterer Schauplatz - ein Schauplatz zudem, der literarisch überfrachteter wäre - lässt sich kaum denken.

Diskrete Stalkerin

Vorsicht, ungeschützte Romanlektüre kann Ihr Leben auf den Kopf stellen. Diese Erfahrung glaubt zumindest die Protagonistin in Bettina Balàkas abgründiger Lovestory mit doppeltem Boden zu machen. Nachdem Judit Kalman, Unternehmerstochter in bestem Alter, den Debütroman des Jung-Schriftstellers Markus Bachgraben gelesen hat - Titel: "Kassiopeia" - verliebt sie sich Hals über Kopf in den um zehn Jahre jüngeren Autor.

Nach einer Lesung in Wien nimmt Judit Kalman, verwitwet, Anfang vierzig, Kontakt zum Schriftsteller auf - wofür Bücher-signieren-lassen nicht alles gut ist -, um den Angeschmachteten anschließend auf mehr oder minder diskrete Weise zu stalken.

Füreinander bestimmt?

Judits Bemühungen sind von gewissen Anfangserfolgen gekrönt: eine Liebesnacht mit dem Dichter springt immerhin heraus, dann zieht sich der im Ganzen eher reserviert wirkende Bachgraben nach Venedig zurück, um in Ruhe an einem neuen Werk zu arbeiten, wie er behauptet. Judit Kalman lässt sich von der Flucht des Dichters nicht entmutigen. Sie packt ihre Koffer und reist dem Angehimmelten an die Lagune nach.

Bettina Balàka weiß, wovon sie da schreibt: Die Anfangsidee zu "Kassiopeia" geht auf ein persönliches Erlebnis zurück. "Und zwar hab ich ein E-Mail bekommen von einem Leser, einem Fan, der mir überraschenderweise mitgeteilt hat, er habe meine Bücher gelesen und aus dieser Lektüre heraus erkannt: Wir seien füreinander bestimmt", erzählt Balàka. "Das fand ich so faszinierend, diese Idee, diese Vorstellung, dass man mit einem Buch so eine Vision von einer Seelengemeinschaft erzielen kann, dass diese Fiktion bei jemandem anderen solche Phantasien auslöst."

Aus dem Kontaktanbahnungsversuch des Balàka-Verehrers hat sich keine zartherbe Liebesgeschichte entwickelt, betont die Autorin. Im Prinzip warnt die 46-jährige entschieden davor, sich bei der Lektüre von Büchern in deren Verfasserinnen oder Verfasser zu verlieben:

"Das Grundgefühl, das kennen wir ja alle beim Lesen von Büchern, dass wir dann oft den Eindruck haben, wir verstehen uns total mit diesem Menschen, oder der sagt das, was wir denken. Und dann tauchen natürlich bestimmte Visionen auf. Ich hab zum Beispiel in meiner Jugend immer den Eindruck gehabt, ich hätte mich mit Joseph Roth hervorragend verstanden. Dann habe ich seine Biografie gelesen und bin von diesem Glauben schnellstens wieder abgewichen."

Risikofreudig beim Schreiben

Judit Kalman - Balàkas Protagonistin - ist auf einem anderen Trip. Von einer mannstollen Freundin namens Erika begleitet, versucht sie den spröden Bachgraben in Venedig an sich zu binden. Ihre schärfste Waffe: Der notorisch klamme Schriftsteller braucht dringend Bares, und darüber verfügt die Bauunternehmers-Erbin aus dem Salzburgischen in reichem Maß.

"Ich wollte schon lange einmal ein Buch schreiben, das ironisch-komisch ist, das auch lustig zu lesen ist, ohne dass es das Bedürfnis nach schenkelklopfender Heiterkeit bedient", sagt Balàka. "Und das war sehr schwierig für mich, diesen Stil zu entwickeln. Ich habe ja insgesamt vier Jahre lang an diesem Buch gearbeitet, weil ich einen leichten Ton haben wollte, der aber große Mühe gekostet hat. Und die Schwierigkeit war auch, die Figuren nicht zu denunzieren und ihnen bei aller Komik ihre Würde zu lassen."

Als Schauplatz eines tragikomischen Liebesromans ausgerechnet Venedig zu wählen, ist alles andere als unriskant. Das Terrain zwischen "Hotel des Bains" und Seufzerbrücke ist literarisch übererkundet - von Thomas Mann bis Joseph Brodsky, das weiß auch Bettina Balàka: "Ja, also, ich bin ja im normalen Leben ein eher vorsichtiger Mensch, aber beim Schreiben hab ich das Risiko sehr gern. Und es hat mich gerade deshalb gereizt, Venedig zu verwenden, weil es ja sozusagen die 'Verbotene Stadt' für Schriftsteller ist."

Spiel mit Klischees

Cherchez l'homme: Geschickt spielt Balàka mit diversen Venedig-Klischees, wobei im Verlauf der Romanhandlung immer weniger klar wird: Wer manipuliert hier wen? Die liebestolle Millionenerbin den Dichter oder der Dichter die Millionenerbin?

"Venedig ist eine Stadt, die immer noch aus der Zeit gefallen ist", meint Balàka. "Sie steht auf schwankendem Grund. Und sie ist traditionell die Stadt der Masken und der versteckten Identitäten, und um all das geht's in dem Buch." Wobei Balàka mit zahlreichen Rückblenden die familiären Hintergründe Judit Kalmans und Markus Bachgrabens ausleuchtet und auf diese Weise mit feinem Blick fürs Komische auch österreichische Nachkriegs- und Wirtschaftswunder-Mentalitäten ins Blickfeld bekommt.

"Mir scheint, dass Humor generell eine hervorragende Coping-Strategie ist", meint Balàka. "Wenn man in unzumutbaren Situationen einen Schritt zurücktritt und das aus einer gewissen Distanz betrachtet, dann sieht man immer sofort eine gewisse Komik."

Mit "Kassiopeia" hat Bettina Balàka einen süffigen Frauenroman vorgelegt - eine Mischung aus ironischer Venedig-Rhapsodie und "Sex and the City".

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Bettina Balàka, "Kassiopeia", Haymon-Verlag

Haymon-Verlag - Kassiopeia