Silke Hassler über das Schreiben

"Man setzt sich ja am Morgen nicht mit dem Gedanken hin, ich produziere jetzt große Kunst." Kunst entstehe erst im Moment der Rezeption, meint die Theaterautorin Silke Hassler. Genau dann, wenn man sich in einer Figur wiederfindet, wenn man von einer Szene berührt ist oder wenn man sich auch einfach nur langweilt.

Die hingebungsvolle Liebe zur Kunst zeigte sich bei der Dramatikerin schon zu Studienzeiten und zwar in Form einer ausgeprägten Bibliophilie. Als Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaften las sie täglich 300 bis 400 Seiten. Um ihre Sucht zu stillen und sich immer neue Bücher kaufen zu können, verzichtete Silke Hassler hie und da sogar auf eine Mahlzeit. An die 5.000 Bücher besitzt Silke Hassler heute. Von der Lesesucht scheint sie jedoch geheilt. Der Entschluss, selbst zu schreiben, änderte ihre Einstellung zu Büchern radikal. "Das hängt damit zusammen, dass das Schreiben ein bisschen ein größenwahnsinniger Akt an sich ist", so Hassler, "dass man glaubt, man könne der Weltliteratur noch etwas hinzufügen".

Silke Hassler, Autorin

"Die Vorstellung, dass schreibende Menschen lesen würden, ist falsch!"

Noch immer umgibt sie sich gern mit den Werken anderer Autoren und Autorinnen. Die Bücherregale in ihren Arbeitsräumen sind bis zur Decke gefüllt - eine Art "Bühnenbild" für ihr Schaffen, erklärt Silke Hassler. Doch die Bücher bleiben zumeist als Requisiten im Regal, vor allem dann, wenn sie gerade an einem neuen Stück arbeitet. Der Blick aufs fremde Werk könne aber auch beruhigende Wirkung haben, sagt Silke Hassler, und nennt als Beispiel die kaum gespielte Liebes- und Verwechslungskomödie "Die beiden Veroneser" von William Shakespeare.

Die Fähigkeit sich in Geschichten zu verlieren, gehe allerdings mit der Zeit ebenfalls verloren. Der Lesegenuss werde durch die ständige Analyse der dramaturgischen Finessen der Kollegenschaft erheblich eingeschränkt, meint Autorin Silke Hassler.

Die Sprache der Figuren

Vor einigen Jahren hat sich Silke Hassler vom Wiener Großstadtrummel zurückgezogen und lebt jetzt im niederösterreichischen Retz, in einem Haus, das selbst Geschichten zu erzählen vermag: Im 17. Jahrhundert von den Auerspergern errichtet und später zu einer Gerberei umfunktioniert, fand der aristokratische Bau auch schon literarische Erwähnung. Der entflohene französische Polizeiminister Joseph Fouché, dem Stefan Zweig das Buch "Bildnis eines politischen Menschen" widmete, fand just an jenem Ort und in jenem Zimmer Zuflucht, in dem Silke Hassler heute schreibt.

Ihr Schreibtisch stamme aus Metternichs Kanzlei, so Hassler. "Da steht ein ganz moderner Computer drauf - ein schöner Stilbruch - und hier sitze und arbeite ich, wobei das Schreiben nicht nur am Computer stattfindet." Sie spiele sich selbst die Figuren, die sie für ihre Stücke erfindet, auch vor, "um an die Sprache einer Figur ranzukommen".

Im einfachen Kämmerlein

Ein paar Dörfer weiter wohnt ihr Lebensgefährte Peter Turrini, mit dem sie auf Spaziergängen durch die Weinberge Ideen austauscht. Im Hinterhof hat Silke Hassler einen weitläufigen Rosengarten angelegt. Zum Schreiben sei dieser Ort allerdings weniger geeignet, findet sie. Der Garten sei zu idyllisch, um die "weniger idyllische Welt meiner Theaterfiguren zu beschreiben".

Diese Woche hatte das Stück "Lustgarantie" rund um drei ältere Damen, die ein Bordell gründen, im Wiener Theater Center Forum Premiere. Ideen wie diese kommen Silke Hassler nur in der Abgeschiedenheit ihrer Kammer. "Schreiben bedeutet ein bisschen den Zustand der Isolationshaft", meint Hassler. Das sei eben in ihrem Kämmerchen einfacher als draußen in der Natur.

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Silke Hassler