Prozess gegen Breivik beginnt

Die ganze Welt blickt nach Oslo, hier beginnt einer der größten Mordprozesse Norwegens. Angeklagt ist Anders Behring Breivik, der Mann, der im letzten Sommer zuerst eine Autobombe in Oslo gezündet hat, die acht Menschen getötet hat und dann auf der Ferieninsel Utoya 69 Teenager umgebracht hat, die gerade auf einem Sommercamp der Jugendarbeiterpartei waren. Zehn Wochen wird der Prozess dauern.

Morgenjournal, 16.4.2012

Aus Oslo, ORF-Sonderkorrespondentin

Keine Reue

Noch einmal müssen die Norweger die schrecklichen Ereignisse vom vergangenen Sommer durchleben. Zehn Wochen lang wird Anders Behring Breivik vor Gericht stehen. Ihm wird Terrorismus und 77facher Mord vorgeworfen. Reue zeigt er keine. Vielmehr bedauert er, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben. Eine Aussage, die die Norweger tief erschüttert.

"Das macht mich sehr wütend, ich hätte mir gewünscht, dass die Polizei mit ihm das gleiche gemacht hätte, wie mit dem Attentäter von Toulouse. Sie hätten ihn erschossen und dann wäre alles erledigt gewesen."

Gericht als Bühne

Fünf Tage lang darf Breivik selbst jetzt dem Gericht seine Motive erklären. Diese Zeit will er nutzen um über die Details des Massakers zu sprechen und seine Ideologie zu verbreiten. Vor allem für die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden wird das sehr schwer werden, sagt Anne-Kari Torgalsboen von der Universität Oslo. Für die Leute, die schwer gelitten haben unter dem Verlust ihrer Kinder, ist das ein Schlag ins Gesicht. Sie wollen nicht sehen, wie Breivik vor Gericht mit seinen Taten prahlt. Dennoch wünschen sich die meisten einen fairen Prozess.

Auch die Parlamentsabgeordnete Jette Kristiensen, deren sozialdemokratische Partei das Hauptziel von Anders Behring Breivik war. Dass Breivik vor Gericht aussagen darf, sei nun einmal Teil des Rechtssystems in Norwegen, sagt Kristiensen. "Es sind seine Taten, die illegal waren, und die das Gericht beurteilen wird. Und in einem Prozess muss der Angeklagte auch seine Motive erklären dürfen. Wir sollten diesen Fall nicht anders behandeln als andere, denn das würde unsere Demokratie schwächen."

Frage der Zurechnungsfähigkeit

Die wichtigste Frage aber, die in diesem Prozess geklärt werden muss, ist ob Anders Breivik psychisch gesund war oder nicht. Sollte ihn das Gericht für zurechnungsfähig erklären, dann erwarten Breivik 21 Jahre hinter Gittern, die Höchststrafe in Norwegen. Hält ihn das Gericht aber für psychisch krank, wird er für unbestimmte Zeit in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Das wäre ein großer Fehler, der Breiviks Taten verharmlosen würde, sagt dazu die Psychologin Anne-Kari Torgalsboen.

Für die meisten Norweger ist es wichtig, dass dieser Mann verantwortlich gemacht wird, für das was er getan hat. Sie wollen nicht, dass er für psychisch krank erklärt wird, denn dann kann er sich hinter seiner Krankheit, hinter seiner Schizophrenie verstecken.

In einem Punkt aber sind sich alle einig: Breivik soll nie wieder ein freier Mann sein. Die Norweger wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Morgenjournal, 16.4.2012

Norweger sehen Breivik als zurechnungsfähig, Johannes Marlovits in Oslo im Gespräch mit