25 Jahre Prix Ars Electronica

3.674 Einreichungen aus 72 Ländern wurden von der Jury des Prix Ars Electronica heuer begutachtet. Der Wettbewerb ist hart. Es geht um den mit 117.500 Euro weltweit höchstdotierten Preis für Computerkunst. Er wird heuer zum 25. Mal verliehen. Ein Schwerpunktthema sind diesmal die Umbrüche in der arabischen Welt.

State of Revolution

Videokamera, Aufnahmegerät, eine gehörige Portion Mut und Neugier - Agnes Aistleitner packt ihren Koffer und begibt sich auf den Spuren der Revolution nach Ägypten. Sie spricht mit Menschen in Cafés, auf Straßen und Märkten; aus ihren Aufnahmen stellt sie ein Video zusammen: "state of revolution". Agnes Aistleitner ist allerdings keine Journalistin oder Künstlerin im eigentlichen Sinne. Sie ist Schülerin in Oberösterreich, 19 Jahre jung und hat mit ihrem Video einen der begehrtesten Medienkunstpreise gewonnen: einen der so genannten "Oscars der Medienkunst", eine goldene Nica in der Prix-Ars-Electronica-Jugendkategorie "U19 - create your world".

Kulturschaffende für ein freies Syrien

"Was können wir beitragen?", war die Frage, die sich eine Gruppe von Grafiker/innen, Filmemacher/innen, Musiker/innen und Blogger/innen in Syrien stellte. Wie können Künstler/innen die Demonstrationen unterstützen und einen demokratischen Umbruch fördern? "Syrian people know their way" ("Das syrische Volk kennt seinen Weg") nennt sich das Projekt der Gruppe, die sich für ein freies Syrien einsetzt. Mit Plakaten und allen Möglichkeiten der Social Media engagieren sich die Künstler/innen im Kampf um die Freiheit. Sie vermitteln ihre politischen Ansätze und wollen den Menschen eine Perspektive für die Zukunft geben.

Die Ars Electronica Jury setzte ein politisches Zeichen und zeichnete "Syrian people know their way" mit einer Goldenen Nica in der Kategorie Digital Communities aus.

Werkzeuge für die nächste Revolution

Um die Freiheit geht es auch den Schweizern Christoph Wachter und Mathias Jud in ihrem Projekt "qual.net - tools for the next revolution". Sie befreien das Internet aus seinen infrastrukturellen Klammern und von der Gefahr, dass in totalitären Staaten der Zugang zum WWW abgedreht werden kann: Wachter und Jud haben eine Technik entwickelt, die jeden Computer oder jedes WLAN-fähige Mobiltelefon zu einem Internetknotenpunkt macht.

Wie ein Virus oder eine sich entwickelnde Zelle verbreitet sich das spontane Netzwerk unabhängig von Internet und Mobilfunk. Mit qual.net holten sich die Schweizer den Voestalpine-Preis "the next idea".

Freies Internet und Datenschutz

Nicht nur die Freiheit des Internets muss geschützt und bewahrt werden, auch die der eigenen Identität. Die Debatten um Datenschutz und Vorratsdatenspeicherung sind nur ein Aspekt davon, der andere: Viele Menschen geben zu viel von sich preis. Wer das nicht glauben mag, der möge "Memopol 2" ausprobieren, eine zugleich faszinierende und furchterregende Maschine, schwarz-rot angemalt, klobig, mit leuchtenden Knöpfen und Hebeln. Mindestens so furchteinflößend wie ihr Aussehen ist das, was sie kann: Man stecke seinen Personalausweis oder Pass in die Maschine und sie spuckt sämtliche im Internet verfügbaren Informationen über die jeweilige Person aus - grafisch aufbereitet auf einem Großformat-Bildschirm. Wetten, auch Sie haben zahlreiche Spuren im WWW hinterlassen? Timo Toots aus Estland hat für seine Maschine "Memopol 2" die Goldene Nica in der Kategorie Interactive Art bekommen.

Das weiß Memopol 2 sicher nicht, daher sei dem, der immer schon wissen wollte, was Jeff in Hitchcocks Klassiker aus seinem "Fenster zum Hof" sah, "Rear Window Loop" ans Herz gelegt, ein drei Minuten langes Zeitraffer-Video des Luxemburgers Jeff Desom. Er komprimiert die Hinterhofansichten aus dem Hitchcock-Film zu einem einzigen Panorama. Dafür bekam er den Hauptpreis in der Prix-Ars-Electronica-Kategorie "Computer/Animation/Film/VFX".

Bakterienradio und Elementarteilchenmusik

Heute hören Sie Radio noch aus einem Kasten voll anorganischer Elektronik, morgen vielleicht schon aus einem "Bacterial Radio" - wenn die Idee des US-amerikanischen Künstlers und Forschers Joe Davis in Serie ginge. Davis hat Bakterien genetisch so verändert, dass sie die Schaltkreise eines Radios nachbilden. Für sein Bacterial Radio erhielt Davis die Goldene Nica in der Kategorie "Hybrid Art".

Kleiner als die Bakterien von Joe Davis sind die Elementarteilchen, die der britischen Künstlerin Jo Thomas eine Goldene Nica in der Kategorie "Digital Musics and Sound Art" eingebracht haben - indirekt allerdings. Um Elementarteilchen auf extrem hohe Geschwindigkeiten zu beschleunigen, wird ein sogenanntes Synchrotron verwendet, ein Teilchenbeschleuniger. Bei der Beschleunigung treten Geräusche auf, Jo Thomas hat sie eingefangen und komponiert. "Crystal Sounds of a Synchroton" nennt sie das Stück - 38 Minuten, "in denen man sich völlig verliert", wie die Jury feststellte.

Text: Barbara Zeithammer

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Ars Electronica - Gewinner des Prix Ars Electronica 2012
Prix 2012 - Video "State of Revolution"
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