Porträt John Cage

John Cage, Organisator des ersten "Happenings", Mentor der Fluxus-Bewegung, Wegbereiter mehrerer Musikrichtungen des 20. Jahrhunderts, erweiterte explosionsartig das Verständnis von Musik, überhaupt von Kunst: Im Mittelpunkt steht der Prozess, das Ergebnis ist offen.

"John Cage war ein Freigeist und ein Narr. Kein Scharlatan. Narren sind etwas ganz Wichtiges. Er hat manchmal bewusst die Rolle eines Narren eingenommen, nicht die eines Scharlatans, das ist ganz etwas anderes." Renald Deppe, Komponist, Musiker, Zeichner

Das Erfinderische hatte John Cage von seinem Vater. Von ihm hat Cage auch sein Credo: "Wenn jemand sagt: 'Es geht nicht', weißt du, was du tun musst!" John Cage senior hatte sich als Erfinder einen Namen gemacht. So stellte er zum Beispiel 1913 einen Weltrekord auf: Mit einem von ihm konstruierten U-Boot blieb er mehr als 24 Stunden unter Wasser.

1945 hat John Cage das Stück mit dem Titel "Dad" komponiert. Ein musikalisches Porträt in 18 Sekunden.

Radikal schon in der Schule

John Cage jr. wurde in Los Angeles geboren. Klavierunterricht erhielt er von seiner Tante. Cage traute sich früh etwas zu: Schon als Teenager leitete er zwei Jahre lang eine Radiosendung. In der Schule war er bekannt dafür, "radikal zu sein" - so kann man es jedenfalls im Highschool-Jahrbuch lesen.

Auf dem College hielt er es nicht lange aus, seine Eltern finanzierten ihm einen Europa-Trip. Dort machte er seine ersten homoerotischen Erfahrungen und schrieb erste Kompositionen. Das war 1931. Amerika stöhnte unter der großen Depression. Die Eltern konnten John Cage bald nicht mehr unterstützen, Cage kehrte in die USA zurück.

Schönbergs Schüler

Mit großer Hartnäckigkeit arbeitete John Cage nun auf das Ziel hin, Schüler bei Arnold Schönberg zu werden. Cage übte Klavier in der Druckerei eines Freundes - trotz des Lärms zweier Druckerpressen. Er nahm Unterricht bei Schönberg-Schülern und arbeitete als Tellerwäscher und Werbungsausträger. Cage wohnte in einer Wohnung ohne Bad und Kasten - er schlief auf einer Campingliege, sein Gewand hing an Nägeln an der Wand.

Und er komponierte. Cages Stil war vom kontrapunktischen Denken geprägt, und von der Wiederholung kleiner musikalischer Elemente. Nach Monaten des Kompositionsunterrichts war Cage fit für Arnold Schönberg. Schönberg unterrichtete Cage gratis - einzige Gegenleistung: Cage habe sein Leben der Musik zu weihen. Cage stimmte zu und gab seine Ambitionen in der bildenden Kunst - vorerst zumindest - auf.

In Schönbergs Erinnerung war Cage sein interessantester Schüler - nur sei er kein Komponist gewesen, so Schönberg, sondern ein Erfinder, aber ein genialer. Nach mehr als zwei Jahren bei Schönberg hatte Cage das Gefühl, dass er auf der Stelle trat.

Der Klang der Dinge

Zur Zeit der Abnabelung von Arnold Schönberg hatte John Cage ein künstlerisches Erweckungserlebnis: Cage arbeitete mit dem Regisseur Oskar Fischinger an einem abstrakten Film. Eine Aussage von Fischinger hat Cage entflammt: "Alles, was man tun muss, um das zu befreien, was in jedem Ding drin steckt, ist, an diesem Objekt entlang zu streichen und seinen Klang herausziehen." Dieser Satz entsprach genau jenen Ideen, die schon lange in Cage schlummerten.

Cage heiratete und zog mit seiner Frau Xenia nach Seattle, unterrichtete und leitete ein Perkussions-Ensemble. Sein Interesse galt jetzt ganz der Perkussions-Musik. Denn hatte Schönberg die Töne befreit, so ging Cage einen Schritt weiter und befreite die Klänge. Damit stand er auch in einer gewissen Tradition, viele Künstler der amerikanischen Westküste pflegten sich vom europäischen Intellektualismus zu distanzieren.

Privat hatte Cage langsam das Problem, etwas zu finden, mit dem er auch Geld verdienen konnte. Unter anderem gelang ihm das durch Jobs als Pianist von zeitgenössischen Tanzklassen. Aus einer Not heraus entwickelte er das "präparierte Klavier": Für das Begleiten der Tanzgruppen war zu wenig Geld und Platz für eine ganze Rhythmusgruppe - so machte er einfach aus dem Klavier ein Perkussionsinstrument, indem er Gegenstände zwischen die Seiten klemmte.

Kompositorische Krise

Cage stürzte in eine persönliche Krise - er trennte sich von seiner Frau, um mit Merce Cunningham zusammen zu leben. Und er erlebte eine kompositorische Krise.

Der Einfluss der indischen Musik ist auch bei seiner berühmtesten Werkgruppe aus dieser Zeit zu spüren - den "Sonatas & Interludes" für präpariertes Klavier. Erste Stück wurden 1946 uraufgeführt, den Zyklus vollendete er zwei Jahre später.

Komponieren per Orakel

Als Zeitungskorrespondent reiste John Cage 1949 nach Europa, lernte in Paris Pierre Boulez kennen. Eine Künstlerfreundschaft, die sich aber auseinanderentwickelte. Boulez und Cage entzweiten sich an einer künstlerischen Frage. Denn Cage hatte für sein Komponieren den Zufall entdeckt - durch Zufall.

Sein Schüler Christian Wolff schenkte ihm ein Buch aus dem Sortiment seines Vaters, dem ersten Kafka-Verleger Kurt Wolff: das "I Ging", ein 3.000 Jahre altes chinesisches Orakelbuch. Es funktioniert so: Drei Münzen werden 6 Mal geworfen, das Ergebnis entspricht einem Zeichen und damit einem Orakelspruch. Cage ersetzet die Orakelsprüche durch Noten - und hatte somit eine entpersonalisierte Kompositionsweise für sich entdeckt.

Das erste Hauptwerk, das Cage mit Hilfe des I Gings erstellte, war "Music of Changes". 5.000 Mal musste Cage für diese Komposition Münzen werfen. Musik, vom Zufall geschaffen, exakt in Noten gegossen, die auch exakt zu interpretieren sind. Von diesem Werk sollte sich Cage später distanzieren und das Zufällige, Unvorhergesehene auch dem Interpreten zugestehen.

Dass es dazu kam, hatte auch damit zu tun, dass sich Cage mit fernöstlicher (für Cage eigentlich fernwestlicher) Kunst und Philosophie beschäftigte. Cage besuchte mehrere Jahre lang Kurse in Zen-Buddhismus. Kunst im Geiste des Zens erfasst die Essenz eines Objekts - ohne eine Botschaft vermitteln zu wollen. Damit konnte sich Cage identifizieren.

4'33"

Es war eine Zeit der großen Würfe: Cage arbeitete an elektroakustischer Musik. Er sorgte mit David Tudor und Robert Rauschenberg für das erste Happening der Kunstgeschichte. Und er schrieb "4'33", Cages wohl berühmtestes Stück. Drei Sätze lang haben Musiker in beliebiger Anzahl zu pausieren.

Mit Anti-Kunst hat "4'33" nichts zu tun. Dieses Stück braucht die künstlerische Aura, die Aufführungssituation, den Rahmen, der die Spannung aufbaut zwischen Publikum und Performer. Und sie hat soziale Implikationen, so Renald Deppe: "Für mich ist das die erste Geburt einer ganz präzisen Entschleunigung. Und Zurückwerfen auf die Eigenverantwortlichkeit. Dass man die Freiräume, die sich auftun, nicht missbraucht."

1958 reiste John Cage nach Darmstadt. Ein Aufenthalt mit großen Folgen für die europäische Musikgeschichte. Für die Kursteilnehmer der Darmstädter Ferienkurse, die eher einen Kompositionslehrer an der Schiefertafel gewohnt waren, für die war der Auftritt von John Cage extrem verstörend.

"Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es", sagte er in einem Vortrag. Das war nicht kokett gemeint, sondern meinte auch das Spannungsverhältnis zwischen Nichts und Etwas, das erst den Raum öffnet für vorurteilsfreies Rezipieren.

Freiheit für Interpreten

Vom Niederschreiben von fixen Partituren hat sich Cage immer mehr verabschiedet. Seine Komposition "Music of Changes" bezeichnete er als "Frankensteins Monster", weil dort die Ausführenden noch immer im Korsett der niedergeschriebenen Noten stecken. Er benutzte grafische Notation und verschob die Unbestimmtheit auf die Seite der Interpretierenden. Bei Stücken wie den "Variations" sind die Musiker im vorgegebenen Rahmen frei in ihrer Musik und in ihren Aktionen. Die Grenze zur theatralen Performance ist hier schon eindeutig überschritten.

In späten Jahren wendete sich John Cage wieder der Musikgeschichte zu, schichtet altes Kompositionsmaterial. Und er hat zuletzt auch anerkannt, dass es wohl kein Entrinnen gibt vor der Harmonie - nämlich auf Grund der Beziehung der Obertöne von Klängen. Er gab seiner Form der Harmonie den Namen "Anarchic Harmony". Mit 75 Jahren schrieb John Cage an einer substantiell neuen Werkgruppe mit ineinander verschachtelten Stimmen - und erfand sich damit wieder neu.

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