Popstar Cage

John Cage war ein stiller, unaufdringlicher Mensch, der leise sprach und nicht viel Aufhebens um seine Person machte. Nicht gerade die Eigenschaften, die man mit Popstars verbindet - wenn man an Leute wie Robbie Williams oder Lady Gaga denkt.

Trotzdem ist Cage einer der wenigen zeitgenössischen Komponisten, denen es gelungen ist, den Elfenbeinturm der akademischen Avantgarde zu verlassen und in der world at large deutlich sichtbare, besser: hörbare Spuren zu hinterlassen.

Offene Kompositionen

John Cage - ein Popstar. Oder zumindest einer, der von den Pop-Milieus zwischen Psychedelic und Punk mit offenen Armen empfangen und als Pate und Großvater der neuen Musikszenen verehrt wurde. Was hat diese Image-Transferleistung ermöglicht? Was machte Cage anders als etwa Luciano Berio, Iannis Xenakis oder Roman Haubenstock-Ramaty?

Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass Cage weniger machte als geschehen ließ. Seine von aleatorischen Strategien gesteuerten Kompositionen sind offene Systeme mit einer Vielzahl von Auslegungsmöglichkeiten, die auch in ihrer Klanggestalt oft nicht festgelegt werden.

So konnten beispielsweise die New Yorker Lärmpropheten Sonic Youth auf ihrem Album "Goodbye 20th Century" die Cage-Komposition "Four6, for any way of producing sounds" mühelos ins Environment der Rückkoppelungen und brummenden Verstärker übersetzen. Kaum vorstellbar, dass dies mit Werken von Pierre Boulez oder Krysztof Penderecki möglich wäre. Cage entwirft somit Musik, die anschlussfähig ist und in den unterschiedlichsten Szenen absorbiert und umgetextet werden kann, ohne den ästhetischen Ausgangspunkt zu diskreditieren.

"Kein Talent für Musik"

Der Komponist selbst spielte seine Fähigkeiten als Musikschöpfer immer gewaltig herunter: "Wenn ich singe, kann ich kaum die Melodie halten", sagte er. "Es ist eine Tatsache, dass ich eigentlich kein Talent für Musik habe."

Bei aller Koketterie ist dies nicht die schlechteste Selbstbeschreibung. John Cage entspricht nicht im Geringsten dem Bild, das man sich von einem "Vollblutmusiker" macht. Stattdessen ist er ein Konzeptualist, der tausendundeine Methode entwickelt hat, um die Welt in ihren realen und kosmischen Dimensionen zu beschreiben und zu transzendieren.

Cage war in "Imaginary Landscapes" der erste, der Plattenspieler in einer klassischen Komposition einsetzte und gab damit Impulse, die bis in die Hip-Hop- und Turntable-Szenen der Gegenwart zu spüren sind.

Seine Methode, das Klavier mit Holzstückchen, Metallen und Knochen zu präparieren, wurde im Free Jazz und in der Improvisationsmusik begeistert aufgenommen und zu einem System der Klangverfremdungen umgebaut. Auch an der Elektronik- und Multimediafront gehörte Cage zu den Pionieren und Zukunftsdenkern: Sein Sound & Vision-Spektakel "HPSCHD" aus dem Jahr 1967 kombinierte Computertechnologie, Slideshows, Filme und ein 52-Kanal-Tonbandorchester und fand in Sichtverbindung und Zeitnähe zu den psychedelischen Lightshows im Avalon Ballroom oder dem Exploding Plastic Inevitable von Andy Warhol und Velvet Underground statt.

Und dann gibt es natürlich noch Brian Eno, der in seinen "Oblique Strategies" unmittelbar auf das Prinzip Zufall von John Cage Bezug nahm: beschriftete Karten mit Handlungsanweisungen, die gemischt werden und so immer wieder neue aleatorisch gesteuerte Abläufe ermöglichen.

Spielmaterial für Generationen

Dass John Cage, mehr als jeder andere klassische Komponist, Spielmaterial zur Verfügung stellte, mit dem sich Generationen von Jazz- und Rockmusikern lustvoll beschäftigten, dass er mit seiner Zen-Haltung, die Absichtslosigkeit, Humor und Freidenkertum verknüpfte, mühelos eine Brücke zur Hippie-Philosophie der späten 1970er Jahre schlagen konnte, ist unbestritten. Doch das erklärt noch nicht zur Gänze den Popstar-Status des Enfant Terrible.

Dazu kam eine Qualität, die man in heutiger Diktion wohl als Image- und Medienbewusstsein bezeichnen würde. Der bescheiden im formellen Akademiker-Habitus auftretende Cage wusste genau, wie man Skandale provoziert und das Establishment zur Raserei bringt. Es gibt unzählige Berichte über zischende und pfeifende Konzertbesucher, die schließlich erbost aus dem Saal stürmen. Der Musikkritiker Noel Straus schrieb einmal in der "New York Times": "Die Musik von Cage hat Ähnlichkeiten mit den sinnlosen Geräuschen, die Kleinkinder produzieren, wenn sie auf Pfannen oder andere Küchenutensilien einhämmern."

Den Schalk im Nacken

Dem bitteren Ernst des akademisch geprägten Musikbetriebes ein homerisches Gelächter entgegenschleudern und dabei die Kappe des Schalksnarren aufsetzen - das kam gut an im Milieu der Free Spirits des Rock-Underground und der politischen Dissidenten, die das Establishment provozieren wollten. Es ist die Mischung aus permanenter Experimentierlust, aus stiller, aber nachhaltiger Provokation und aus einem Hang zur Spiritualität jenseits religiöser Orthodoxie, der John Cage zum größten Popstar aus der Riege der klassischen Komponisten machte.

Und so ist es kein Wunder, dass sich noch im Jahr 2010, fast 20 Jahre nach dem Tod des unbewegten Bewegers eine britische A-Liga Mannschaft mit Billy Bragg, Luke Pritchard und dem Elektroniker Orbital versammelte, um unter dem Namen Cage against the Machine die berühmteste Komposition von John Cage zu feiern: "4,33" - das komponierte Schweigen, die instrumentale Stille. Am 13. Dezember des Jahres wurde eine Single, auf der nichts zu hören ist, veröffentlicht. Zu den Begünstigten der Aktion zählte auch die British Tinnitus Association. Das hätte John Cage gefallen. Frohe Weihnachten, Stille Nacht!

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