Wiener Kriminacht mit Jussi Adler-Olsen

In zahlreichen Wiener Kaffeehäusern wird es heute Abend wieder spannend: Zum achten Mal geht in Wien die Kriminacht über die Bühne. An 54 Locations lesen Autorinnen und Autoren bei freiem Eintritt aus ihren Werken. Der dänische Bestseller-Autor Jussi Adler-Olsen liest im Gartenbaukino aus seinem neuesten Thriller "Verachtung".

Morgenjournal, 18.9.2012

Eine mysteriöse Serie an Vermisstenfällen aus den 1980er-Jahren, eine Frau mit schrecklicher Vergangenheit, und eine obskure Partei, die sich für Rassenreinheit einsetzt: In seinem jüngsten Thriller "Verachtung" bezieht sich Jussi Adler-Olsen auf ein dunkles Kapitel in der jüngeren Geschichte Dänemarks.

Bis in die 1980er-Jahre waren auf der Insel Sprogö Frauen untergebracht, die als geisteskrank galten oder für den damaligen Geschmack sexuell zu freizügig waren. Einer rassenhygienischen Ideologie zufolge durften diese Frauen keine Kinder in die Welt setzen; viele von ihnen konnten daher nur dann aus dieser Anstalt entkommen, wenn sie sich sterilisieren ließen. Die Idee des gesunden Volkskörpers sei also keineswegs eine Erfindung Nazi-Deutschlands gewesen - und das Thema sei in Dänemark noch immer aktuell, sagt Jussi Adler-Olsen.

Er erzählt: "Letzte Woche sagte ein dänischer Parlamentarier vor laufender Kamera zu einer arbeitslosen Frau: "Ich bin froh, dass Sie sich sterilisieren ließen. Sie haben schon drei Kinder - so kann es ja nicht weitergehen." Das sorgte für große Diskussionen. Es gab dann eine Umfrage: Finden Sie es gut, dass bestimmte Menschen, die in der Gesellschaft nicht gut funktionieren, sterilisiert werden? Stellen Sie sich vor: 48 Prozent sagten Ja!"

Späte Rache

Im Thriller "Verachtung" nimmt eine ehemalige Insassin dieser Anstalt grausame Rache an ihren früheren Peinigern. Es handelt sich um den vierten Fall für den schrulligen Ermittler Carl Mörck, der in seinem Sonderdezernat in Kopenhagen vergessene Fälle aufarbeitet.

2007 hat Jussi Adler-Olsen die Thrillerserie begonnen und erobert seither regelmäßig die Bestseller-Listen. Die Handlungen seiner Bücher sind oft beklemmend und bisweilen brutal; doch dabei handle es sich keineswegs um Fiktion, meint der Autor. Was man täglich in den Zeitungen lese, sei meist noch schlimmer als seine Geschichten.

Großer Ansturm trotz Kritik

Am Büchermarkt kennt sich Jussi Adler-Olsen schon seit langem aus: Bevor der heute 62-Jährige als Autor späte Erfolge feierte, war er unter anderem als Geschäftsführer mehrerer Verlage tätig. Zwar sei es nie sein Traum gewesen, Schriftsteller zu sein, sagt Adler-Olsen - dass er schreiben könne, habe er aber schon damals als Verleger gewusst.

Dabei fielen manche Kritiken zu Adler-Olsens jüngstem Roman "Verachtung" negativ aus: bemühte Witzigkeit und wenig Überraschungen biete das neue Werk, heißt es. Dessen ungeachtet ist der Ansturm des Wiener Publikums auf den Bestseller-Autor groß: Seine heutige Lesung im Rahmen der Wiener Kriminacht musste ins Gartenbau-Kino verlegt werden und auch dieses ist bereits restlos ausgebucht.

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