Oberst Redl - Der Spionagefall

Er galt als "Meisterspion", als "König aller Vaterlandsverräter": der k. und k-Generalstabs-Oberst Alfred Redl. Zwei Wiener Historiker machen sich nun daran, den Mythos Redl zu entzaubern. Verena Moritz und Hannes Leidinger haben neues Material zum "Fall Redl" aufgestöbert.

Das "Hotel Klomser" in der Wiener Herrengasse existiert nicht mehr. Wo sich einst Alfred Redl nach seiner Überführung eine Kugel in den Kopf jagte, sind heute die Redaktionsräume des "Standard" untergebracht. Die Zeiten ändern sich.

Verena Moritz und Hannes Leidinger, zwei der profiliertesten Historiker des Landes, beschäftigt der "Fall Redl" schon lange. Unter dem Siegel strikter Geheimhaltung haben die beiden jahrelang Archive in Moskau, Paris, London, Budapest und Prag durchforstet, um neues, bisher unbekanntes Material zum "Fall Redl" zutage zu fördern. Mit Erfolg.

Die spektakuläre Enttarnung des k. und-k.-Generalstabsoffiziers Alfred Redl am Vorabend des Ersten Weltkriegs war eine europäische Affäre, wie Verena Moritz erläutert. Kaum ein Geheimdienst, der in den Skandal nicht involviert gewesen wäre.

Fakten und Fiction

"Wir haben die Arbeit am Buch als kriminalistische Ermittlung angelegt und versucht, den Fall zu rekonstruieren und Fakten von Fiktionen zu trennen, was einigermaßen schwierig ist", sagt Verena Moritz.

Da die Mythenbildung, angefeuert auch vom Investigativreporter Egon Erwin Kisch, unmittelbar nach Redls Selbstmord heftig ins Kraut schoss, sind Fakten und Fiction bis heute in der Tat nur schwer zu trennen.

"Innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie war Alfred Redl ganz sicher ein absoluter Top-Spion, kaum mit jemand anderem zu vergleichen", erklärt Hannes Leidinger. Leidinger-Moritz ist es in ihrem Buch um eine akribische, auch wissenschaftlich nachhaltige Aufarbeitung des "Falls Redl" zu tun.

Wie Redl gearbeitet hat

"Wir können zeigen, wie Redl gearbeitet hat, mit wem er gearbeitet hat, wer seine Kontaktpersonen waren, wie die Ermittlungen vor und nach seiner Enttarnung gelaufen sind, wer zum Kreis der Verdächtigen zählte, und was besonders wichtig ist, natürlich auch die Tragweite des Falls", erklärt Verena Moritz.

Faktum ist: Der Generalstabsoffizier Alfred Redl, zeitweilig zweithöchster Mann des k. und-k.-Geheimdiensts, hat jahrelang geheimes Material an den russischen Geheimdienst, aber auch an italienische und französische Dienste verkauft.

Durch den Abgleich österreichischer und russischer, französischer, ungarischer und tschechischer Akten können Leidinger-Moritz jetzt präzise nachweisen, wie weit Redl Verrat ging.

Fest steht Hannes Leidinger zufolge: "Dass Alfred Redl unter anderem die Kriegsordre de bataille für den gesamten 'Kriegsfall Balkan, Russland und Italien' verraten hat, weiters Mobilisierungsanweisungen für die entsprechenden Kriegsfälle, weiters Informationen für die sogenannte 'Fortifikatorische Gruppe', also Festungsinformationen, Übersichten bzw. Anweisungen für die Sicherung des Eisenbahnwesens und der Minenanlagen, das ist gesichert."

Das Motiv für den Verrat

"Das Motiv von Redls Verrat war eigentlich denkbar banal: Es ging um Geld. Er hat Geld gebraucht, weil er sich schon in jungen Jahren hoch verschuldet hat. Er hat Geld gebraucht, weil er dem Luxus zuneigte, er war in höchstem Maße verschwendungssüchtig. Und er hat Geld gebraucht, um seine Liebhaber zu finanzieren, denen er enorm hohe Apanagen gezahlt hat, monatlich", sagt Verena Moritz.

Redls Homosexualität spielte im zeitgenössischen Diskurs eine zentrale Rolle. Konservative Kreise in Adel und Militär sahen in der Affäre ein Symptom des moralischen Verfalls, homophobe Stereotype wurden ebenso bemüht wie obskurste Verschwörungstheorien aller Art.

Eine penible Dokumentation

Leidinger-Moritz Buch ist eine penible Dokumentation des Falls Redl, die beiden Autoren betten die Affäre aber auch in ihren kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Kontext ein.

Wien am Vorabend des Ersten Weltkriegs, das war nicht nur die Stadt Schnitzlers, Lehars und Freuds, Wien war auch ein Tummelplatz der Späher und Spione, wie Verena Moritz erläutert.

"Die Welt der Spionage in Wien 1913 war sicher klischeehaft. Es gab geheime Treffen in finsteren Hinterzimmern, es gab falsche Bärte und zwielichtige Popen, Decknamen wie "Trödler Abraham", "Lupus" oder "der Rothaarige". Das waren aber doch in erster Linie Kleinkriminelle, die sich in einer solchen Halbwelt aufgehalten haben; da ging es um kleine Beträge, die bezahlt wurden, das ist nicht vergleichbar mit dem, was Redl bezahlt wurde. Redls Kontohöchststand, wenige Monate, bevor er verhaftet wurde, war umgerechnet 500.000 Euro, also keine Kleinigkeit."

Für Informationen von besonderer Tragweite kassierte Redl bis zu 30.000 Kronen. Das war kein Pappenstiel: Um 30.000 Kronen konnte man sich im Jahr 1910 eine schmucke Villa kaufen, oder, wenn man wie Redl dem Rausch des Automobilismus verfallen war, zwei Limousinen der Luxuskategorie.

Ein Sündenbock für Alles

Mit einer Fehleinschätzung räumen Hannes Leidinger und Verena Moritz in ihrem Buch auf: Die zum Teil dramatischen Niederlagen der Armeen Franz Josephs zu Beginn des Ersten Weltkriegs, waren nicht auf Redls Verrat zurückzuführen.

"Aufgrund der Veränderungen der politischen, militärischen und strategischen Lage in den Jahren 1913/14 hat sich die Ausgangssituation, in der Redl spioniert hatte, grundlegend verändert, sodass eine direkte Auswirkung auf die Feldzüge nicht mehr nachweisbar ist. Allerdings, wäre es schon 1913 zum Kriegsfall gekommen, so wären diese Informationen für die russische Seite Goldes wert gewesen. Man hätte mit einer schweren Niederlage der österreichisch-ungarischen Armee rechnen müssen", erklärt Hannes Leidinger.

Nach Redls Enttarnung im Mai 1913 brodelte die Gerüchteküche, zwischen Wien, Prag und Redls Geburtsstadt Lemberg wurden die absurdesten Verschwörungstheorien kolportiert.

"Alfred Redl wird zum Sündenbock, in der allgemeinsten Form. Alle Feindbilder, die zu dieser Zeit existiert haben, wurden auf ihn projiziert. Und unter diesen Feindbildern war der Antisemitismus, war das Judentum natürlich besonders stark vorhanden."

So wurde Alfred Redl etwa von der christlich-sozialen "Reichspost" posthum zum "Israeliten" umgevolkt, obwohl das keineswegs den Tatsachen entsprach.

Verena Moritz’ und Hannes Leidingers Redl-Buch ist kein gschmackiger Sachbuch-Thriller mit Unterhaltungsmehrwert, kein James-Bond-Reißer im k. und-k-Kostüm. Die beiden Historiker haben eine penible spionagegeschichtliche Ermittlung vorgelegt, ein materialreiches und profund recherchiertes Buch. Der "Fall Redl" darf nach den Recherchen der beiden wohl endgültig zu den Akten gelegt werden.

Service

Verena Moritz und Hannes Leidinger: "Oberst Redl - Der Spionagefall, der Skandal, die Fakten", Residenz-Verlag