Eiskalter Tod

Für Angehörige ist das spurlose Verschwinden eines Menschen meistens schlimmer als eine Todesnachricht. Der Tod eines nahen Menschen bedeutet Schock und unwiderrufliche Tatsache zugleich. So schmerzhaft es ist, aber mit einer Gewissheit kann man versuchen umzugehen; man kann versuchen, mit dem Verlust zu leben. An die Ungewissheit jedoch kann man sich nicht gewöhnen.

In Österreich gelten rund 800 Personen als vermisst, von zehn Prozent davon fehlt seit mehr als fünf Jahren jede Spur. Wenn die Polizei ein Verbrechen zwar nicht ausschließt, die Ermittlungen jedoch aufgrund fehlender Spuren und Erkenntnisse einstellt, nennt man das einen "cold case".

Der Fall Duncan Macpherson ist so ein cold case. Er ist aber auch beispielhaft dafür, wie ein heißer Fall kalt gemacht werden kann, das heißt: wie Ermittlungen allen Zweifeln zum Trotz verschleppt und schließlich eingestellt werden, weil an einer Aufklärung kein Interesse herrscht. So jedenfalls sieht es der amerikanische Autor John Leake. Er hat 2009, 20 Jahre nach Duncan Macphersons Verschwinden, begonnen, den Fall noch einmal aufzurollen.

Suche am anderen Ende der Erde

Im August 1989 sollte der 23-jährige kanadische Ex-Eishockeyspieler Duncan Macpherson im schottischen Dundee seinen Job als Trainer antreten. Als er dort, wie vereinbart, am 12. des Monats nicht erschien und niemand genau sagen konnte, wo er die Tage vor Arbeitsantritt verbracht hatte, machten sich die Eltern in Saskatoon auf die Suche. Aber wie sucht man jemanden auf der anderen Seite der Erde, wenn man keine Anhaltspunkte hat?

Erst als man sechs Wochen nach Duncans Verschwinden das Auto, das er sich von einem Freund in Deutschland ausgeborgt hatte, auf einem Parkplatz der Stubaier Gletscherbahnen entdeckte, konnten die Ermittlungen - von nun an auch für die Polizei - in eine konkrete Richtung gehen. Bis dahin wusste man ja nicht einmal, ob er sich noch in Deutschland, in Österreich oder in Italien aufhielt.

Doch statt Gewissheit über das Schicksal ihres Sohnes zu erlangen, gerieten die Macphersons in einen Strudel aus widersprüchlichen Aussagen, mangelhaften Ermittlungen, behördlichen Kompetenzstreitigkeiten und Zeugen mit Erinnerungslücken. Selbst das kanadische Außenministerium zeigte wenig Bereitschaft, sich in die österreichischen Angelegenheiten einzumischen.

Laxe Ermittlungen

Ohne allzu großen Ehrgeiz an den Tag zu legen, ging man hierzulande davon aus, dass Duncan Macpherson beim Snowboarden von der gesicherten Piste abgekommen und in eine Gletscherspalte gestürzt sei. Die Macphersons, die dieser Version nicht glaubten, waren mehr oder weniger auf sich gestellt und recherchierten weiter. Und selbst als 14 Jahre nach Duncan Macphersons Verschwinden durch das starke Abschmelzen des Stubaier Gletschers der Leichnam gefunden wurde - und zwar auf der Piste, gab es mehr Fragen als Antworten.

Als John Leake 2009 mit seinen Recherchen begann, erging es ihm nicht besser. Vor allem der Innsbrucker Pathologe Walter Rabl schien die Todesursache mehr verschleiern als aufklären zu wollen, meint John Leake. Er vermutet, dass dies mit Interessen der Betreiber des profitablen Schigebiets zu tun hat, die auch die wichtigsten Arbeitgeber der Region sind. Er übermittelte das vorhandene Material, vor allem Fotos des Leichnams und der Unfallstelle, an unabhängige Experten.

Stringente Fallschilderung

Es ist erstaunlich, was Leake an Fakten, zusätzlichen Zeugenaussagen und Sachverständigenmeinungen zusammengetragen und zu einer stringenten Fallschilderung zusammengefügt hat. Am Ende beginnt der Kriminalfall eigentlich erst, denn Leakes Lösung könnte aus einem cold case wieder einen heißen Fall machen, sofern die Behörden sich von Privatermittlungen beeindrucken lassen.

So bleibt ein engagiertes, spannendes Buch über einen grausamen Tod am Gletscher, das unermüdliche Bemühen der Eltern, diesen aufzuklären, und einmal mehr das ungute Gefühl, dass das Recht im Zweifelsfall auf der ökonomisch potenten Seite steht.

Service

John Leake, "Eiskalter Tod. Unfall oder Verbrechen?", aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Henning Dedekind, Residenz Verlag

Residenz - Eiskalter Tod