Reise nach Kalino

Mit zwölf Jahren kam der gebürtige Pole Radek Knapp nach Wien, als Jugendlicher begann er zu schreiben, mit dreißig veröffentlichte er sein hochgelobtes literarisches Debüt, den Erzählband "Franio". Inzwischen hat sich Radek Knapp als fixe Größe im deutschsprachigen Literaturbetrieb etabliert. Jetzt hat der 48jährige einen neuen Roman vorgelegt: "Reise nach Kalino".

In seinem neuen Roman begibt sich Radek Knapp auf ein literarisches Feld, das man bisher nicht mit seinem Namen assoziiert hat: Der 48jährige riskiert einen Ausflug ins Detektiv- und Science-Fiction-Genre. Im Zentrum des Geschehens steht ein verschrobener Privatermittler namens Julius Werkazy. Mit Philip Marlowe hat dieser Werkazy nicht viel gemein. Radek Knapps Detektiv ist ein schnürlsamthosentragender Ironiker mit verschmitztem Charme, seinem Erfinder, was Appeal und Erscheinung betrifft, nicht ganz unähnlich. Das komme nicht von ungefähr, erklärt Radek Knapp, schließlich hätten Detektive und Schriftsteller gewisse Gemeinsamkeiten:

"Ich würde fast sagen, es sind identische Berufsbilder. Ein Detektiv hat einen Fall zu lösen, er muss recherchieren und irgendwo hinfahren, dann muss er den Verantwortlichen aufspüren, und am Schluss muss er einen Bericht schreiben. Das alles muss der Autor auch."

Anruf fast vom Papst

Eines Tages, die Auftragslage ist gerade etwas flau, erhält Detektiv Werkazy einen Telefonanruf von Mister Osmos, dem autokratischen Herrscher über einen sagenumwobenen Stadtstaat namens "Kalino".

Kalino wird von einer transparenten High-Tech-Mauer hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen. In seinem stadtstaatgroßen Reich hat Osmos sein ganz persönliches Utopia errichtet - eine Mischung aus Shangri-La und Nordkorea, eine totalitäre Konsumdiktatur, deren Bewohnern ein ausgewogenes Emotions-Management und ewige Jugend verheißen sind. Aldous Huxley lässt grüßen. Mit einem speziellen Handy namens "Gerlan" können sich die Kalinianer auch selbst anrufen und gute Laune injizieren. "Das ist ein Zukunftsroman", sagt Radek Knapp, "der mitten in das kranke Herz unserer Gesellschaft zielt."

Das "pferfekte" Glück

Von Stadtstaat-Gründer Osmos wird Radek Knapps Detektiv nach Kalino gerufen, um einen Mord aufzuklären, den ersten in der Geschichte der High-Tech-Diktatur. Werkazy reist nach Kalino und stellt fest, dass sich die Kalinianer mit einer gewissen Roboterhaftigkeit durch ihren aufs perfekte Glück hin getakteten Alltag bewegen.

Es ist unüberlesbar: Radek Knapps Kalino ist eine ins Science-Fiction-hafte überspitzte Karikatur der westlichen Konsumkultur, in der Schlankheitswahn und Fitnesskult mit gleißnerischen Glücksverheißungen und einer alle Gesellschaftsbereiche durchdringenden Vergötzung von Effizienz einhergehen. Auch wenn er in seinem Roman die Auswüchse des real existierenden Konsumismus aufs Korn nimmt: Radek Knapp mag den Stab nicht brechen über unserer auf Konsum und einer im Ganzen doch recht unvollkommenen Demokratie beruhenden Kultur:

"Ich mag sie, trotzdem, trotz all ihrer Fehler. Sie liegt mir sehr am Herzen, und ich denke, gerade deshalb darf und soll ich sie kritisieren. Sie ist in all diesem Chaos, das hier auf der Welt herrscht, noch das Einzige, in dem noch halbwegs stabile Momente herrschen."

Is A Star Born?

Der Konsumismus, der auf der Vergöttlichung des Shopping beruht, hat heute weite Teile der Welt erfasst, befindet Radek Knapp: "Das ist ja eben das Kunststück: dass wir eine manipulierbare Masse sind. Dasselbe haben wir ja in Polen. Die Konzerne sind dort einmarschiert, und sie haben eine leicht manipulierbare Masse vorgefunden, die sie mit offenen Armen empfangen hat. In Polen glaubt man ja nach wie vor: Drei Fernseher, ein Auto und fünf Handys – das sind die Attribute des Glücks."

"Kalino" gibt's übrigens wirklich. Wer die Buchstabenfolge als Suchbegriff in "Google Earth" eingibt, landet in einem elenden, von Wiesen und Äckern gesäumten Straßendorf unweit von Lodz.

"Ich bin gebürtiger Pole und ich kenne mich in meiner Heimat gut aus", sagt Radek Knapp. "Ich muss zugeben, ich habe nicht gewusst, dass es in der Nähe von Lodz ein Dorf namens Kalino gibt. Das ist ein unglaublicher Zufall. Hätte ich es gewusst, hätte ich nicht drei Tage über den Namen nachdenken müssen, ich hätte ihn einfach gegooglet, und das wäre's dann gewesen."

Mit dem Erscheinen von "Reise nach Kalino" wird man die Geschichte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht neu schreiben müssen. Ein bedeutendes Stück Literatur ist es nicht, was Radek Knapp da vorgelegt hat, aber ein flotter, witziger, pointensicherer Unterhaltungsroman mit gesellschaftskritischem Anspruch. Der Autor arbeitet, so hört man, bereits an einer Fortsetzung. Vielleicht darf man dieser Tage von Julius Werkazy, Radek Knapps schnürlsamthosentragendem Privatermittler, sagen: A Star is born.

Service

Radek Knapp, "Reise nach Kalino", Piper-Verlag

Piper - Reise nach Kalino