Der große Trip

Auf dem Buchmarkt herrscht kein Mangel an Memoiren, die vor Sentimentalität triefen, in denen vor selbstverliebter Nabelschau die kritische Distanz zu kurz kommt. Cheryl Strayeds Buch "Der große Trip" ist eine erfreuliche Ausnahme, eine seltene Mischung aus berührender Ehrlichkeit und Humor.

Dass die im US-Staat Oregon lebende Autorin seit den beschriebenen Ereignissen 17 Jahre hat vergehen lassen, mag eine Rolle gespielt haben. Die Aufgabe von Memoiren sei ja nicht nur zu erzählen, was passiert ist, erklärt Cheryl Strayed, wichtig sei vielmehr, was man dazu zu sagen hat. Wenn man zu dem, was man erlebt hat, nichts zu sagen hat, dann wird daraus auch kein gutes Buch, so die Autorin.

Ein "Monster" am Rücken

Der deutsche Titel "Der große Trip" klingt nach der Art Abenteuer, das man aus Hetz und Tollerei unternimmt. Der englische Originaltitel lautet schlicht "Wild" und kommt dem Inhalt schon näher. Denn darum geht es: Um das sich Durchschlagen durch die innere und die äußere Wildnis.

Cheryl Strayed war 26 Jahre alt, als ihr Leben aus den Angeln geriet. Ihre Mutter, der sie sehr nahe stand, erkrankte an Krebs. Sie wich kaum von ihrem Krankenbett - und verpasste dennoch ihren Tod. Danach verlor sie die Kontrolle über ihr Leben: Zu viele Männer, sogar ein bisschen Heroin. Sie war so sehr am Boden zerstört, dass es eigentlich nur mehr aufwärts gehen konnte.

In der Wildnis würde sie wieder zu sich selbst finden. Dessen war sich die Autorin sicher. Die Wildnis - das war der Pacific Crest Trail, ein Weitwanderweg, der von der US-mexikanischen bis zur US-kanadischen Grenze reicht. Sie gab sich 100 Tage und wanderte in dieser Zeit 1.800 Kilometer. Als sie aufbrach, war sie weder topfit noch wusste sie, was man für eine solche Wanderung dringend braucht und was man besser daheim lässt. Es hat seinen guten Grund, das sie ihrem Rucksack den Spitznamen "Monster" verpasste:

"Ich gab ihm den Spitznamen gleich in der ersten Woche, denn der Rucksack was so schwer, dass ich ihn nicht heben konnte. Ich musste Verrenkungen machen, um ihn auf meinen Rücken zu kriegen. Ich konnte damit auch nicht aufrecht stehen. Der Rucksack war zwar mein Fluch, doch im Laufe der Zeit betrachtete ich ihn als Gefährten. Alles, was ich brauchte, war in diesem Rucksack drinnen. Das war eine sehr wichtige Erfahrung. Denn so konnte ich durch die Wildnis wandern. Es mochte regnen oder schneien. Es konnte brütend heiß sein. In meinem Rucksack war immer etwas zu essen, und etwas, das mir Schutz bot. Dieses Gefühl war für mich damals sehr wichtig."

Begegnungen mit Tieren

Nicht nur der Rucksack war gewöhnungsbedürftig. Auch die tierischen Bewohner des Waldes. Eines Tages sah sie ihren ersten Bären. Besser gesagt: Zuerst hörte sie ihn. Ein tiefes, sonores Brummen. Und dann stand etwa zehn Meter vor ihr ein Tier, so groß wie ein Kühlschrank. Noch ehe sie in ihre Trillerpfeife blasen konnte, trollte sich der Bär. Der war dem Anschein nach ebenso geschockt über die unerwartete Begegnung wie sie. Doch das war an diesem Tag nicht das einzige Abenteuer mit der Natur, wie Cheryl Strayed schreibt:

Doch wenn Cheryl Strayed zurückdenkt, waren es nicht die Bären, die Berglöwen oder die Klapperschlangen, die ihr Angst machten. Sondern viel kleinere Dinge: "Das waren Tiere, die eigentlich niemand beängstigend empfindet. Und zwar waren das kleine schwarze Frösche. Eines Nachts schlief ich neben einem Teich. Es war den ganzen Tag über so heiß gewesen, dass ich mein Zelt nicht aufstellte. Ich legte mich einfach auf meiner Plane schlafen. Zwei Stunden später wachte ich auf und überall auf mir saßen diese Frösche. Sie sind in der Dunkelheit aus dem Teich heraus ans Ufer gekommen. Ich bin kreischend aufgesprungen und davongelaufen."

Allein mit den eigenen Gedanken

Cheryl Strayed traf auf ihrem Marsch auch andere Wanderer. Doch die meiste Zeit war sie allein. Was sie auf dem Pacific Crest Trail suchte, war, was sie "radical aloneness"- radikales Alleinsein - nennt: "Im Wort 'radikal' steckt die Bedeutung 'Wurzel, Ursprung'. Ich war auf dieser Wanderung in meinem tiefsten Wesen allein. Ich ging allein schlafen, ich wachte allein auf, ich verbrachte ganze Tage, ohne eine Menschenseele zu sehen. Das war für mich sehr wichtig, denn wenn man so allein ist, kann man sich eigentlich nur mit sich selbst unterhalten. Und dabei steigen interessante Dinge empor. Natürlich denkt man auch an Banales. Ich habe mir oft gedacht: Ach, wie gerne hätte ich jetzt einen Cheeseburger. Aber grundsätzlich beginnt man über Dinge nachzudenken, die einem im alltäglichen Leben nie einfallen würden."

Die Wanderung über 1.800 Kilometer war lange genug, um über alle Beziehungen in ihrem Leben - den Vater, den Stiefvater, die Mutter, die Geschwister, den Ehemann - gründlich nachzudenken.

Die ersten paar Tage nach Ende der Wanderung fühlte sie sich ein wenig verloren. Sie vermisste die Einsamkeit, aber gleichzeitig saß sie mit wahrem Genuss in Cafés und aß extragroße Portionen Mehlspeise. Damals lebte Cheryl Strayed im Mittelwesten der USA, in Minneapolis. Später übersiedelte sie in den Nordwesten, nach Portland/Orgeon. Und von dort kann man ein Stückchen vom Pacific Crest Trail sehen.

"An sonnigen Tagen kann man von hier aus den Mount Hood sehen. Das ist ein schöner Berg mit einem schneebedeckten Gipfel. Ich erinnere mich noch, wie ich in der ersten Woche nach meiner Rückkehr den Berg gesehen habe. Und ich hab mir gedacht: Dort oben, das ist eine andere Welt. Sie ist greifbar und scheint dennoch so weit weg. Aber ich weiß, dass es sie gibt. Und ich weiß auch, wo sie ist. Und sollte es nötig sein, kann ich jederzeit dorthin zurückkehren."

Service

Cheryl Strayed, "Der große Trip", aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Reiner Pfleiderer, Kailash Verlag

Der große Trip