Kauft Leute

Am Stadtrand von Wien wird mit viel medialem Getöse eine neue Art von Groß-Markt eröffnet. "HÜMANIA" ist ein Abholmarkt für Menschen. Angeboten werden Arbeiter für die heimische Baustelle, Haushaltshilfen für ältere Herren, Toyboys oder musizierende Sex-Häschen, Omis für die Kinder oder Nachwuchs für Kinderlose, für jedes Bedürfnis gibt es den passenden Menschen, der sich - meist gegen Übernahme seiner Schulden - an Hümania verkauft hat.

An eine nette Familie vermittelt zu werden, erscheint vielen "Helden", wie die verkauften Menschen von Hümania genannt werden, besser, als in einem Obdachlosenasyl hausen zu müssen. Für die Kundinnen und Kunden ist die Begegnung mit der "Ware" das aufregendste Kauferlebnis, das es gibt.

Der Hümania-Markt besteht aus einem Beratungszentrum, in dem man seine Wünsche deponieren und nach dem Durchlesen von Profilen seine Kaufentscheidung treffen kann, und aus den Ausstellungsräumen, in denen die Menschen in Vitrinen posieren. Interessiert man sich für einen, berührt man den Touchscreen der Vitrine. Die Anzahl der Berührungen wirkt sich auf den Preis aus. Je schneller man sich entscheidet, umso kostengünstiger der Kauf. Ist ein Mensch besonders begehrt, kommt es zur Versteigerung.

Fasziniert von der Geschäftsidee

Caro, gerade aus der Rehabilitation für Computerspielsüchtige entlassen, heuert als Werbetexterin und Produktgestalterin bei Hümania an. Abgestoßen von dem Menschenmarkt, ist sie dennoch fasziniert von der Geschäftsidee des Großunternehmens.

Auch an Bord - wenn auch auf der Seite der Versklavten - ist der Weltenbummler Christian, der sich, von einem Freund um sein Geld gebracht, gezwungen sieht, sich Hümania auszuliefern. Er wird als Toy-Boy an eine reiche Münchnerin verkauft, die ihn ihrer Mutter zum Geburtstag schenkt. Seinen Warencharakter bekommt er schon auf der Fahrt nach München zu spüren, als er versucht, seine betrunkene Besitzerin davon abzubringen mit ihm ins kalte Wasser des Chiemsees zu steigen.

Partnerkauf

Männer und Frauen kaufen sich Ersatzpartner. Reiche Männer können auf eine Tradition des Frauenkaufs zurückgreifen. Wobei die Frau aus dem Großmarkt nicht mehr als Gefährtin oder Geliebte getarnt werden muss.

Frauen können auf keine Tradition im Männerkauf zurückgreifen, sie scheuen sich aber trotzdem nicht, mit einem Mann gesehen zu werden, für den sie Geld bezahlt haben.

Die Ware Mensch

Auch die zaudernde Caro wird vom geschmeidigen Marketingleiter Danesito damit gelockt, dass sie die Lage der verkauften Menschen verbessern kann.

Nicht, dass Menschen bewertet werden, ist das Problem, sondern dass manche schlechter abschneiden als andere. Abgesehen davon, dass Danesito sie mit Hündchen gleichsetzt. Es wird immer nur ein Teil des Verwerflichen problematisiert - und dabei gleich relativiert - gerade so viel, dass Verständnis für das Unbehagen des Gegenübers geheuchelt werden kann.

Niemals aber wird die Grundprämisse hinterfragt: das Geschäft mit der Ware Mensch. Dieses wird wie ein Naturgesetz vorausgesetzt. Jede Kritik kreist um diese Grundprämisse und wird damit letztlich konstruktiv. Das System Hümania macht sich alles zunutze, was in seine Nähe kommt. Sobald die Möglichkeit, dass ein Mensch Ware sein darf, akzeptiert wird, werden auch Regeln geschaffen, mit denen man im Angesicht schreienden Unrechts gut leben kann.

Alles hip

Hümania gehört zum "Premium"-Segment des Menschenmarktes und legt Wert auf "Luxus-Content". Seine Ware soll möglichst gut aussehen und gut ausgebildet sein. In seiner Entwicklungsabteilung tummeln sich keine eiskalten Strategen im Business-Anzug, sondern kreative Jungs in T-Shirts und Jeans, die in den Arbeitspausen mit ferngesteuertem Spielzeug herumtoben.

Spaßorientiertheit, flache Hierarchien und Selbstironie zeichnet die Firmenkultur aus, während die "Ware" mittels Fußfesseln, Kameras und Security bewacht, in ihrem tristen Wohnheim dem nächsten Verkaufstag entgegendämmert oder - bereits verkauft - von seinem Besitzer mittels Schönheitsoperation umgestaltet wird.

Manche Besitzer machen ihre Sklaven zu Gefährten, die sie zu verwöhnen glauben, andere lassen sie in perversen Rollenspielen den Part des Besitzers einnehmen, wieder andere kaufen Kinder, um ihre Eunuchen-Kommune zu vervollständigen. Was unter "Menschenrechten" zu verstehen ist, erklärt der Publikums-Guide Lars auf seinen Führungen durch den Ausstellungstrakt.

Verschleiernde Sprache

Der Zynismus des Systems Hümania zeigt sich auch in dessen Sprachgebrauch. Begriffe werden umgedeutet. So werden aus Sklaven "Helden". Besonders begehrte Sklaven werden sogar "Working class heros" genannt.

Die Gesellschaft teilt sich in "Owners" und "Props", um die Härte der deutschen Wörter "Besitzer" und "Eigentum" zu vermeiden. Nicht zuletzt ist es der Begriff des Humanismus selbst, der zur Hümania oder Hü-Mania verbogen wird. So und nicht anders ist auch die Begeisterung am Menschen zu verstehen, wie sie von einem Manager in seiner Begrüßungsrede eines messe-ähnlichen Firmenevents geäußert wird.

Aus bezahlter Arbeit wird Sklaverei

Vieles in Jan Kossdorffs weitverzweigter und ausgeklügelter Konsumdiktatur ist dem Leser bereits aus seinem Alltag vertraut. Die "Profile" der "Props" unterscheiden sich nur wenig von den Selbstanpreisungen in Bewerbungsschreiben. Die "Real Life Avatare", diese operativ nach einem Barbie-Puppen-Schönheitsideal umgestalteten Gesichter, blicken uns von Plakaten und aus dem Fernsehen bereits entgegen.

Auch die Sprache Hümanias ist uns nicht ganz fremd, die vielen Anglizismen etwa haben nicht nur ins Business-Umfeld Einzug gehalten. Wie auch jene verschleiernden Umbenennungen, die aus "Problemen" "Herausforderungen" machen, aus "Entlassungen" "Freisetzungen" und aus dem "wirtschaftlich Schwachen" gleich einen "sozial Schwachen".

Auch der Menschenhandel selbst ist Realität - wenn auch noch illegal. Denn ein Kapitalismus, in dem die menschliche Arbeitskraft immer billiger werden muss, muss - zu Ende gedacht - in der Sklaverei münden. Die billigste Arbeitskraft ist nämlich der Zwangsarbeiter.

Für nichts und niemanden verantwortlich

Auch einzelnen Figuren bei Kossdorff glaubt man schon begegnet zu sein. Der hedonistische, alles verdrehende und alles verkaufende Opportunist Danesito ist ein Typus, wie er in vielen Marketingabteilungen großer Firmen zu finden ist. Er ist weder naiv noch verblendet noch gewissenlos, er hat sich nur dafür entschieden, sich für nichts und niemanden verantwortlich zu fühlen. Für ihn sind "Ware" wie Kunden Verlierer.

Jan Kossdorff legt mit "Kauft Leute", seinem dritten Roman, eine Kapitalismuskritik vor, die in ihrer abgefeimten Intelligenz ähnliche Unternehmungen weit hinter sich lässt. Aus Elementen bereits bestehender Missstände und Usancen konstruiert er eine Zukunft, die so drastisch wie wahrscheinlich, nur mehr wenige Zentimeter von uns entfernt zu sein scheint.

Nachdem das letzte Tabu, die Freiheit des Individuums, gefallen ist, verwandelt sich die Welt bis in die intimsten Winkel in einen Markt und in ein geschlossenes System der Abhängigkeit. Diese Verwandlung geht nicht verschwörerisch und heimlich vonstatten, sondern verlockend und vor aller Augen. Kossdorff, u. a. Werbetexter, nähert sich seinem Thema praktisch und anschaulich, hier werden keine marxistischen Theorien gewälzt, sondern es wird gezeigt, wie es geht, aus Menschen einerseits Produkte, andererseits Konsumenten Ihresgleichen zu machen. Ein Leseerlebnis - vergnüglich und nachhaltig verstörend!

Service

Jan Kossdorf, "Kauft Leute", Milena Verlag

Milena Verlag