Der Mann, der den Neusiedler See trockenlegen wollte...

Wie heißt es so schön in der aktualisierten Version der österreichischen Bundeshymne? "Heimat großer Töchter und Söhne". Wer hier zunächst an Allzeit-Helden wie Wolfgang Amadeus Mozart, Hermann Maier oder Bertha von Suttner denkt, liegt bestimmt richtig.

Der auf allerlei Kuriositäten spezialisierte Autor Harald Havas, dürfte sich in seiner soeben erschienenen Sammlung herausragender Persönlichkeiten aus Österreich aber vor allem auf die Textzeile davor konzentriert haben: "Land der Hämmer, zukunftsreich". Es sind die eigenwilligen Querköpfe, die bockigen Eigenbrötler und die liebenswerten Spinner, die er in seinem neuen Buch porträtiert.

Zu trocken, zu nass

Als der Neusiedler See noch nicht Naturreservat, Erholungsgebiet und touristische Attraktion war, galt die Riesenlacke vor allem als Riesenproblem. Der Grund dafür war seine Eigenschaft, den Wasserstand launenhaft zu wechseln, weshalb er in verschiedenen Schriften über 2.000 Jahre hinweg abwechselnd als "See", "Sumpf" oder sogar "Fluss" bezeichnet wurde. Nach zahlreichen Überschwemmungen, bei denen er auch einmal fast die doppelte heutige Fläche erreichte, sahen sich die zuständigen Behörden im 19. Jahrhundert gezwungen zu reagieren. Unter dem Motto: Der See muss weg! wurde der Ingenieur Karl Kecskés 1838 beauftragt, den See trockenzulegen.

Was dem Ingenieur zu schwör war, erledigte die Natur ein Vierteljahrhundert danach. Der See trocknete bis auf einen schmalen Streifen komplett aus. Die Folgen waren verheerend. Der Boden war für die landwirtschaftliche Nutzung praktisch unbrauchbar, die Lungen der Anrainer litten am Salzstaub und das Mikroklima der gesamten Region veränderte sich zum Nachteil für die Landwirtschaft. Heute sorgen Kanal und Wehranlagen für die Regulierung des "Meeres der Wiener".

An den eigenen Erfindungen gescheitert

Gescheitert sind auch andere Österreicher mit ihren teilweise bahnbrechenden Erfindungen. Der Südtiroler Zimmermann Peter Mitterhofer etwa, der seine marktreifen Modelle moderner Schreibmaschinen Kaiser Franz Joseph präsentierte. Diesen hat das "sehr gefreut", die Geräte landeten aber weitgehend ignoriert in der Sammlung des Polytechnischen Museums. Mitterhofer starb verbittert. Der Grund dafür ist auf seinem Grabstein zu lesen: "Die Anderen, die von ihm lernten / Durften die Früchte seines Talentes ernten"

Ein ähnliches Schicksal ereilte zuvor auch den Wiener Mechaniker Franz Besetzny. Ihm wurde die riskante Idee, Geldnoten zu fälschen, um zu beweisen, wie leicht dies wäre, zum Verhängnis. Er wurde der "polizeilichen Beobachtung anempfohlen".

Die Reihe "österreichischer Erfinderschicksale" ist damit noch nicht zu Ende: Josef Ressel geht nur als "eigentlicher" Erfinder der Schiffsschraube in die Geschichte ein und auch der völlig verarmt verstorbene Josef Madersperger wird nicht als Erfinder der Nähmaschine geführt.

Unglückszahl 13

Doch nicht nur durch Scheitern wird man "kurios". Auch durchaus erfolgreiche und dementsprechend prominente Persönlichkeiten finden sich in Harald Havas' Buch. Die Aufnahme in die kurzweilige Sammlung von Sonderbarem dürfte ihnen durch bizarre Eigenheiten und schrulliges Verhalten gelungen sein. So erfährt man etwa über Arnold Schönbergs Triskaidekaphobie, die Angst vor der Zahl 13:

Franz Jonas war glühender Esperantist, Herbert von Karajan hatte eine eigene Toilette mit Namensschild in Bayreuth, Kaiser Leopold I. plante das Schloss Schönbrunn ursprünglich in Rosarot und Joseph II. ließ sich einmal einsperren, um am eigenen Leib zu erfahren, wie sich das so anfühlt. Im hintersten Kerker des angeblich schlimmsten Gefängnisses des gesamten Reiches verbrachte er eine ganze Stunde, um danach hustend, blass und angefeuchtet zu verfügen: "Ich war der letzte Mensch in diesen Räumen."

Legendäre Skurillos

Seinem Namen und Sinn tatsächlich gerecht wird Havas' Sammelsurium allerdings vor allem dann, wenn er an legendäre Skurillos erinnert und ihrem Leben und Wirken gebührend Platz einräumt: Edwin Lipburger etwa, dem Künstler und Präsidenten der Republik Kugelmugel. Sein einst umstrittenes Kugelhaus ist nach wie vor im Wiener Wurstelprater zu bewundern.

Johann Nepomuk Peter, der Konstrukteur des "Rettungsweckers für Scheintote" ist darunter und auch Ludwig Weinberger, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Waluliso. Der gelernte Buchbinder verlieh seiner Pension ein wenig Pfiff, indem er in eine Toga gehüllt, von einem Olivenzweig gekrönt und mit einem Apfel in der Hand als selbsternannter Friedensapostel durch die Wiener Innenstadt pilgerte.

Auch die Straßenkünstlerin Lucia Westerguard, der Zettelpoet Helmut Seethaler und die berühmteste Orang-Utan-Dame der Welt, Nonja, werden verdientermaßen gewürdigt. Weniger schlüssig wirkt allerdings das scheinbar wahllose Auflisten von Prominenten, die zwar hin und wieder auch durch sonderbares Verhalten auffielen, auf die man aber aus mangelndem News-Wert gut und gerne verzichten hätte können.

Dafür entschädigt Harald Havas wiederum mit spannenden Exkursen etwa über das revolutionäre "Winkler'sche System der Hausnummerierung", die Nachnamensfindung für die jüdische Bevölkerung unter Joseph II., oder die abwechslungsreiche Geschichte österreichischer Teilnehmer beim Eurovision Song Contest. Spätestens in diesem Kapitel wird klar: Wir leben in einem sonderbaren Land mit sonderbaren Personen. Schön, dass diesem Umstand eine lesenswerte Enzyklopädie gewidmet wurde.

Service

Harald Havas, "Der Mann, der den Neusiedler See trockenlegen wollte und andere kuriose Österreicher", Metro Verlag