Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch

Im deutschsprachigen Raum wurde der chinesische Autor Liao Yiwu 2009 mit dem Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser - Chinas Gesellschaft von unten" bekannt. In der Volksrepublik China selbst hatte sich Liao Yiwu bereits in den 1980er Jahren einen Namen als Dichter gemacht.

Zunächst genoss Liao Yiwu für seine Werke sogar staatliche Anerkennung, doch seine zunehmend systemkritische Poesie brachte ihm bald Verhöre und Hausdurchsuchungen ein. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Protestbewegung am Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 verfasste Liao Yiwu das Gedicht "Massaker": Im Untergrund wurde das Werk geschätzt, doch als die chinesische Regierung davon erfuhr, ließ sie Liao Yiwu verhaften und zu vier Jahren Haft verurteilen. Die Qualen, die er während seiner Gefangenschaft durchlitt, beschrieb Liao Yiwu in dem Werk "Für ein Lied und hundert Lieder", das 2012 auf Deutsch erschienen ist.

Stimme der Unterdrückten

Nun liegt mit "Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit" das neueste Buch von Liao Yiwu vor. Liao Yiwu versteht sich selbst als "Aufnahmegerät der Epoche", wie er im Vorwort zu seinem Buch schreibt. Er will den kleinen Leuten eine Stimme geben, den Unterdrückten und all jenen, die in der offiziellen Geschichte vom Aufstieg Chinas zur neuen Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts üblicherweise nicht vorkommen.

"Erst Jahre nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis bin ich zu der Auffassung gelangt, dass ich mich wirklich als ein Aufnahmegerät der Epoche verstehen kann", sagt Liao Yiwu. "Bereits im Gefängnis musste ich mir zwangsweise unzählige Lebensgeschichten anhören. Besonders Menschen, die zum Tode verurteilt waren, haben zum Schluss immer wieder ihre Geschichten erzählt. Auch nach meiner Freilassung habe ich mit vielen Leuten lange Gespräche geführt. Inzwischen habe ich mehr als 300 dieser Gespräche aufgezeichnet. Im Lauf der Jahre ist eine große Sammlung entstanden. Und mir ist bewusst geworden, dass diese Gespräche die Stimmung und den Zeitgeist des heutigen China widerspiegeln."

Hungersnot während der Kulturrevolution

Zu den Gesprächspartnern von Liao Yiwu gehören unter anderem ein Restaurantbesitzer, ein Vagabund, ein Anwalt für Mordfälle, ein Nichtstuer, ein Geldeintreiber, eine Erdbebenmutter, eine lesbische Frau, ein Säufer, ein freigestellter Arbeiter und natürlich die Dongdong-Tänzerin und Zhou Bandan, der Sichuan-Koch.

"Beim Sichuan-Koch muss man sich auf ein Gericht konzentrieren – Mapo-Tofu, das ist ein uraltes und weithin bekanntes Gericht", so Liao Yiwu. "Der Koch erzählte mir, wie er während der Kulturrevolution an Hunger litt und eine riesige Sehnsucht nach Mapo-Tofu verspürte. Aber es gab damals fast nichts zu essen, es fehlte an allem. Schließlich nahm der Koch eine Ratte und bereitete damit ein Gericht zu, das an Mapo-Tofu erinnerte. Es war eine unvergessliche Mahlzeit für ihn. Was könnte besser den Wandel der Zeit in China illustrieren als Geschichten dieser Art?"

Liao Yiwu wurde 1958 selbst in der Provinz Sichuan geboren. Als kleines Kind überlebte er mit Müh und Not die verheerende Hungersnot, die der vom damaligen Machthaber Mao Zedong verordnete "Große Sprung nach vorn" auslöste. Als Jugendlicher erlebte er dann die Kulturrevolution mit, an die auch die Geschichte der Dongdong-Tänzerin Dai Fengchuang anknüpft:

"Bei der Geschichte der Tänzerin muss man zunächst die Worte erklären. Dong bedeutet Höhle, Dongdong ist eine Verniedlichung, gemeint ist damit aber einer jener Luftschutzbunker, die in der Mao-Ära im ganzen Land errichtet wurden. Das Verhältnis zwischen China und Russland war damals sehr angespannt, und die chinesische Führung hatte Angst vor den Atomwaffen der Sowjets. Heute dienen die alten Bunker überall als Orte der Prostitution. Auch daran lassen sich die Veränderungen in China ablesen. Wenn man nur die zwei Geschichten vom Koch und der Tänzerin gelesen hat, hat man schon einen guten Blick auf das heutige China."

Tanzpartnerin und Prostituierte

Die Dondong-Tänzerin verdingt sich als Tanzpartnerin und Prostituierte. Sie erzählt Liao Yiwu, wie sie die Mao-Ära und dann die Wirtschaftsreformen und den Umbau der Staatsbetriebe erlebt hat. Ihrer Familie hat das alles kein Glück gebracht. Als dann noch dazu die Mutter an Krebs erkrankte, mussten sie und ihre Brüder bis zur Erschöpfung arbeiten, um die medizinische Versorgung bezahlen zu können. Doch eines Tages war das Geld aufgebraucht.

Die Dondong-Tänzerin ahnte nicht, welche extreme Entscheidung der älteste Bruder treffen würde.

Kein Schönreden

Die politischen und ökonomischen Eliten der Volksrepublik kommen in Liao Yiwus Geschichten, wenn überhaupt, dann nur aus dem Blickwinkel der einfachen Menschen vor. Für die große Mehrheit der Chinesen gehören Macht und Geld, Wirtschaftswachstumsraten und die neuen Luxusbauten in den aufstrebenden Metropolen zu einem China, an dem sie selbst nicht teilhaben können.

Liao Yiwu schreibt schonungslos nieder, was ihm seine Gesprächspartner geschildert haben. Und die hatten gar keinen Grund, die Dinge schönzureden. Entbehrung, Grausamkeit, Brutalität, Perversion werden als das dargestellt, was sie sind. Dabei hat auch Liao Yiwu selbst im Lauf seines Lebens die chinesische Wirklichkeit von unten kennen gelernt, denn er hat sich mit allen möglichen Jobs durchschlagen müssen - etwa als Lastwagenfahrer, Küchenhilfe, Straßenmusiker und Gelegenheitsarbeiter.

"Die Leute, die heute in China erfolgreich und mächtig sind, sind wie Fliegen auf vergammeltem Fleisch", meint Liao Yiwu. "Vergammeltes Fleisch zieht immer viele gierige Fliegen an. Diese Leute werden nie die Wahrheit erzählen, denn sie sind ja die Profiteure des Systems. Die Leute, mit denen ich meine Gespräche geführt habe, sind die Opfer des Systems. Sie haben keine Tabus, sie wollen von ihrem miserablen Schicksal erzählen. Politiker werden höchstens die Wahrheit sagen, wenn sie einmal im Knast sind. So muss man das in China heute sehen: Wo keine Moral herrscht, kann es auch keine Wahrheit geben."

Chinas Weg zum Geld

Wenige Monate vor dem 25. Jahrestag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens in Peking fällt Liao Yiwus Urteil über seine Heimat ernüchternd aus:

"Die chinesische KP hat die Demokratiebewegung 1989 mit Panzern niedergewalzt. Seitdem ist China in eine völlig andere Richtung gegangen - und zwar hin zum Geld. China ist in eine auf Geld fixierte Höhle gefallen. Ja, genau so sehe ich das. An der Oberfläche bewundert man die zweistelligen Wachstumsraten der Wirtschaft, China wird als der ökonomische Drache der Welt angesehen, als eine wirtschaftliche Lokomotive. Aber was ist der Preis dafür? Die Umwelt geht kaputt, die Seelen der Menschen sind korrumpiert, Glaube und Religion verschwinden. Zu Neujahr habe ich mit meinem Bruder in Chengdu telefoniert, er hat mir gesagt, weißt du, heute sieht man bei uns keine Sonne mehr. Wer wieder einmal die Sonne sehen will, muss 300 Kilometer weg von Chengdu in die Berge fahren. Als Kinder kannten wir noch die Sonne, aber heute verschwindet sie aus dem Alltagsleben in China."

"Von diesem dämonischen Regime ist nichts zu erwarten"

Für seine sprachmächtige und unerschrockene Kritik der chinesischen Gesellschaft wurde Liao Yiwu 2012 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In der Volksrepublik China sind seine früheren Werke offiziell verboten, im Untergrund stoßen sie aber auf großes Interesse.

Das jüngste Buch des Autors, "Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch", ist zuerst in Deutschland erschienen und sollte danach auch in Taiwan herauskommen. Von dort finden chinesisch-sprachige Bücher in der Regel rasch ihren Weg in den Untergrund in der Volksrepublik China. Liao Yiwu arbeitet indes bereits an seinem nächsten Buch. An Material mangelt es ihm nicht – er hat noch eine große Zahl an Geschichten in seinem Computer und in seinem Kopf, versichert er.

Sein aktuelles Buch hat Liao Yiwu in Berlin verfasst, wo er seit seiner Flucht aus China im Jahr 2011 lebt. Immer wieder waren ihm zuvor Visa für Reisen in den Westen verwehrt worden.

"Ich habe genug zu schreiben", sagt Liao Yiwu. "Und während ich schreibe, denke ich zum Beispiel darüber nach, wann Chinesen je politische Scherze machen dürfen. Oder ob China und Frieden zusammen passen. Frieden wird es nur geben, wenn dieses chinesische Imperium zusammenbricht. Das wäre gut für China und für die Welt. Dann könnte auch ich wieder zurück nach China. Von diesem dämonischen Regime ist nichts zu erwarten. Wie ich schon bei meiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises gesagt habe: Frieden und Seelenruhe für die ganze Menschheit wird es nur geben, wenn dieses Imperium auseinanderbricht."

Service

Liao Yiwu, "Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch. Geschichten aus der chinesischen Wirklichkeit", aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, S. Fischer-Verlag