"Spucktütenlied" - neues Buch von Nick Cave

Wenn Rockmusiker auf Tour gehen, dann fordert das Klischee Eskapaden oder zumindest demolierte Hotelzimmer. Wenn der australische Musiker Nick Cave mit seiner Band The Bad Seeds auf Nordamerika-Tour ist, dann steht am Ende ein schöngeistiges Werk: ein edel aufbereiteter Gedichtband "Spucktütenlied". Morgen erscheint das mittlerweile dritte Buch von Cave.

Morgenjournal, 17.2.2016

"Für Nick-Cave-Fans ein Muss"

Seit fast drei Jahrzehnten gehört Cave zu den großen Poeten der Rockmusik. Mit seinen Bands Birthday Party, The Bad Seeds und Grinderman hat er sich einen Namen gemacht als düsterer Songwriter, der sich auf den schattigen Seiten des Lebens wohler fühlt als in sonnig-aufgeräumten Liedern. In "Spucktütenlied" verarbeitet Cave nun seine Eindrücke einer Amerika-Tournee auf poetische Weise.

Erinnerungen, Liedfetzen und Reportagen

Bei Nick Cave geht es ans Eingemachte, an die Substanz der Dinge, ungeschönt und roh. Der deutsche Titel seines neuen Gedichtbandes "Spucktütenlied" klingt da fast zu klinisch rein. Dem Geist des Buches entspricht da schon eher das klassisch österreichische "Speibsackerl" - denn sauber und aufgeräumt geht es hier nicht zu. In Caves "Sick Bag Song", so der Originaltitel, findet alles Platz was sich unterwegs im Kopf des Musikers tummelt - alles was er liebe und verabscheue, so Cave in einem Interview mit dem "Vice"-Magazin.

Dabei ist das "Spucktütenlied" kein klassischer Gedichtband, sondern ein langes Gedicht, ein wüster Mix aus Erinnerungen, Liedfetzen, Reportagen und Tagebucheinträgen. Prosa und Poesie zerrinnen hier zu einem einzigen Song, der sich ungezügelt ausschweifend ausbreiten darf. Ein Text, der den fiebrig-erhöhten Puls des Tourlebens einfängt.

Angst, künstlerisch auszutrocknen

Hank Williams und Lou Reed, die Poeten John Berryman, W.H. Auden oder Philip Larkin - immer wieder beschwört Cave im "Spucktütenlied" seine Inspirationsquellen herauf. Rücksichtslos zu sich selbst berichtet Nick Cave von seinem ärmlichen Unterfangen, das graue Haupthaar wieder in sattem Schwarz erstrahlen zu lassen. Grandiose Allüren finden sich hier nicht. Stattdessen bekennt der Sohn eines Englischlehrers seine Angst, künstlerisch auszutrocknen. Schreibblockaden, Einsamkeit und das Ringen mit der eigenen Kreativität durchströmen diese Seiten, wie wenn Cave von einem Treffen mit Bryan Ferry erzählt, der schon jahrelang keinen Song mehr geschrieben hat.

Für ihn wäre das Schreiben eine so angstbesetzte Tätigkeit, dass er gar nicht anders könne als über alles zu schreiben das ihm wiederfahre, erklärt Cave seinen Ansatz. Nick Cave zeigt sich in seinem "Spucktütenlied" als Suchender, der sich nicht ausruhen will und kann. Das "Spucktütenlied" ist ein ebenso emotionaler wie getriebener Monolog eines ruhelosen Geistes. Für Nick-Cave-Fans ein Muss. Für Neuankömmlinge wohl etwas zu lose um sofort zu überzeugen.

Service

Nick Cave, "The Sick Bag Song - Das Spucktütenlied", Poem, aus dem Englischen von Eike Schönfeld, Kiepenheuer & Witsch

Gestaltung

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