"Kapitalismustribunal" im Wiener brut

Gestern Abend wurde im brut Wien das "Kapitalismustribunal" eröffnet: Vom 4. bis zum 12. Mai werden die mutmaßlichen Verbrechen des europäischen Kapitalismus verhandelt.

Vorabstudie zum Gerichtshof

Vorabstudie zum Gerichtshof

Haus Bertleby

Zum Auftakt wurde in einer feierlichen Zeremonie das Theater am Karlsplatz in einen Gerichtssaal umgewidmet, und die Basis-Schrift des Kapitalismustribunals, das "Rote Buch zur Revolution der ökonomischen Rechte", präsentiert.

Service

Haus Bartleby (Hg.), "Das Kapitalismustribunal - Zur Revolution der ökonomischen Rechte (Das rote Buch)", Passagen Verlag

Am Mittwoch, den 4. Mai um 12 Uhr, eröffnet das Verfahren. Einen Zwischenbericht bringt Ö1 am Freitag im "Morgenjournal" um 7 Uhr.

brut - Das Kapitalismustribunal
Kapitalismustribunal - mit Livestream

Kulturjournal, 2.5.2016

"Menschen flüchten nicht nur vor Kriegen"

Die Mitarbeiter des Berliner Haus Bartleby, Zentrum für Karriereverweigerung und Veranstalter des Kapitalismustribunals, meinen es weder satirisch, noch theatral, sondern bitter ernst, wenn sie die mutmaßlichen Verbrechen des europäischen Kapitalismus verhandeln. Eine neue ökonomische Grundrechtscharta müsse her - jeder Mensch soll wieder mitnaschen dürfen und das weder in rein marxistischem noch liberalem Sinne.

Gestern Abend wurde jedoch noch nicht verhandelt, sondern erst mal gefeiert und es wurden kritische Reden geschwungen. Neben dem Eröffnungsredner und Autor Robert Misik, kamen vor allem Mitwirkende zu Wort, wie etwa Jörg Petzold und Hendrik Sodenkamp aus dem Haus Bartleby. Lili Fuhr von der Heinrich-Böll-Stiftung, aber auch Alex Stefes und Graeme Maxton vom Thinktank Club of Rome.

Graeme Maxton: "Wir müssen uns nicht nur um Umweltprobleme Gedanken machen. Wir haben auch sehr viele soziale Probleme. Die Konflikte auf der Welt nehmen aufgrund des ökonomischen Systems zu. Menschen flüchten nicht nur vor Kriegen. Sie flüchten vor dem Klimawandel, vor der ungerechten Aufteilung unter Menschen. Die Schere zwischen Arm und Reich ist zu groß geworden und der Kampf um Ressourcen zu stark."

Dem Verbrechen live auf der Spur

Verfolgbar über einen Livestream auf der Tribunal-eigenen Website, werden die Verhandlungstage in sieben Themenfelder gegliedert, zum Beispiel "Medien und Bildung im Kapitalismus" mit anschließender Diskussion. Sie haben sich aus den knapp 300 realen Anklagen, die im letzten Jahr weltweit online gesammelt wurden, ergeben. Darunter "Verbrechen gegen Afrika", oder auch die Anprangerung des protestantische Arbeitsethos, die ab Mittwoch nach "überpositivem" Recht ausjudiziert werden, so Anselm Lenz aus dem Haus Bartleby.

"'Überpositiv' bedeutet, dass es nicht nach geltendem Recht operiert, sondern, dass andere Gerechtigkeitskriterien da hineinkommen: Das kann sein das Naturrecht, das Vernunftrecht, aber auch ein Gerechtigkeitsempfinden, um einer Sache auf die Spur zu kommen, die womöglich ein Verbrechen ist. Dieser Frage gehen wir ergebnisoffen nach. Und die Frage lautet: Ist der Kapitalismus ein Verbrechen?"

Philosophen, Schriftsteller & Ökonomen

Das Besondere: An den Wiener Verhandlungen nehmen nicht nur Juristen teil, sondern Kulturwissenschaftler, Philosophen, Schriftsteller, Ökonomen. Sie sitzen dem Gericht vor und entscheiden - mehr oder weniger unvoreingenommen.

Jeder Angeklagte, der auf seine Vorladungen zu dem Spektakel nicht reagiert, oder sie abgelehnt hat, dem wird ein Pflichtverteidiger aus den eigenen Reihen gestellt. Man bleibt also unter sich. Dass auf diese Weise kein Ergebnis zu erwarten ist, sondern nur mediales Aufsehen, ist den Mitinitiatoren Alix Faßmann und Anselm Lenz bewusst. Den Vorwurf des Größenwahnsinns lassen sie sich gerne gefallen.

Übersicht