David Mitchell: "Die Knochenuhren"

In "Der Wolkenatlas" hat David Mitchell Historiendramen und Science-Fiction-Epen miteinander verschmolzen, in seinem neuen Roman "Die Knochenuhren" treffen sich bissige Betrachtungen der britischen Gesellschaft mit Fantasy-Marke Harry Potter.

Morgenjournal, 19.7.2016

Leben einer ungewöhnlichen Frau

Seit seinem 2004 erschienenen Roman "Der Wolkenatlas" zählt David Mitchell zur ersten Riege der britischen Gegenwartsautoren. Wie er da verschiedene Erzählstimmen mischte und einen mehrere Jahrhunderte durchlaufenden Erzählbogen aufspannte, das hatte man so noch nicht gelesen. Auch sein aktueller Roman "Die Knochenuhren" bietet dieses Nebeneinander ganz unterschiedlicher Erzähler, sie alle streifen aber das Leben einer Frau, die ganz ungewöhnliche Erfahrungen macht.

Holly Sykes ist eine ungewöhnliche Frau. Aus einer tristen Jugend in einem kleinen Nest bei London Mitte der 1980er Jahre arbeitet sie sich zu einer Erfolgsautorin empor. Sie heiratet einen Kriegsreporter, muss sich im Intrigendschungel der britischen Literaturszene behaupten und fristet ihr Alter schließlich in einem völlig desolaten Europa des Jahres 2043.

"Ich bin gar kein Romancier"

In oft großen Zeitsprüngen setzt der Roman durch das Leben dieser Frau, und als Erzähler treten nicht nur sie selbst, sondern auch einer ihrer früheren Liebhaber, ihr Mann oder ein Schriftstellerkonkurrent auf, die Hollys Leben oft nur schlaglichtartig beleuchten. David Mitchell: "Vor kurzem habe ich die peinliche Entdeckung gemacht - und das bei meinem sechsten Roman -, dass ich eigentlich gar kein Romancier bin. Ich schreibe Erzählungen, das ist meine literarische Form. 'Der Wolkenatlas' bestand auch schon aus sechs miteinander verbundenen Erzählungen, alle zwischen 70 und 130 Seiten lang. Das ist eine Länge, die es mir erlaubt, ganz in eine Geschichte einzutauchen, ohne aber Gefahr zu laufen, dass mir der Treibstoff ausgeht."

Fünf verschiedene Ich-Erzähler gibt es also und nicht nur hat jeder eine ganz charakteristische Stimme, Mitchell bedient in jedem Kapitel auch ein anderes Genre. Da gibt es etwa eine Coming-of-Age-Geschichte, eine Satire auf den englischen Literaturbetrieb und eine wilde Fantasy-Geschichte. Mitchell lässt nämlich nicht nur die politischen Geschehnisse - die Bergarbeiterstreiks in der Ära-Thatcher etwa und den Irak-Krieg - in seinen Roman einfließen, sondern verpasst seinem Buch auch noch einen doppelten Boden.

Genrewechsel pro Kapitel

Holly Sykes hat als Medium nämlich Einblick in eine Parallelwelt, in der sich eine gute und eine dunkle Macht einen brutalen Kampf liefern. David Mitchells "Die Knochenuhren" ist zwar 800 Seiten dick, trotzdem bleibt die Frage, wie man diese Fülle an Themen und Motiven zwischen zwei Buchdeckel bekommt? David Mitchell: "Wenn sich ein Buch gut lesen lässt, dann ist es gut konstruiert. Das beste Zeichen ist doch, wenn man beim Lesen gar nicht dazu kommt auf die Seitenzahl zu schauen, sondern plötzlich auf Seite 336 angelangt ist. Um welches Genre es sich dabei handelt, ist mir völlig egal. Man soll bei seinem Schreiben immer die gesamte Farbpalette verwenden und nicht davor zurückschrecken, den Pinsel in einen fremden Genrefarbton zu tauchen, weil da irgendeine Konvention besteht, die sagt, 'darf man nicht'!"

Wiederkehrende Figuren

Sieben Romane hat der 47-jährige David Mitchell bereits veröffentlicht, die meisten von ihnen mindestens 500 Seiten dick und voller oft skurriler Figuren. Den treuen und genauen Lesern fällt dabei auf, dass Mitchell gerne auf das Personal vergangener Romane zurückgreift. So hat eine besonders fleißige Exegetin in "Die Knochenuhren" über zwanzig Figuren entdeckt, die schon in "Der Wolkenatlas" vorgekommen sind.

David Mitchell: "Meine Figuren kommen mir vor wie arbeitslose und deshalb schlecht gelaunte Schauspieler. Sie werfen mir vor, dass ich ihnen anfangs zwar eine Rolle gegeben, sie dann aber hängengelassen habe. Und wenn ich ein neues Buch beginne, sehe ich mich deshalb erst in meinem bestehenden Figurenarsenal um, bevor ich mich auf die Suche nach neuen Figuren mache. Vielleicht habe ich ja früher schon einmal eine Figur entworfen, die von ihrer Persönlichkeit und ihrem Lebenslauf her meinem Anforderungsprofil entspricht und wenn ich da auf den richtigen stoße, lade ich ihn zu einem Vorstellungsgespräch ein."

Bestechendes sprachliches Register

David Mitchell hat bei "Die Knochenuhren" aber nicht nur ein sicheres Händchen bewiesen, was die Besetzung betrifft. Bestechend ist auch sein sprachliches Register, wenn er vom Slang einer unglücklich verliebten 15-Jährigen problemlos in den Tonfall eines zynischen und misanthropen Dandy-Schriftstellers um die 50 verfällt. Und was den Wechsel zwischen realistischem und fantastischem Erzählen betrifft: Dass Stephen King "Die Knochenuhren" zu einem seiner Lieblingsromane erklärt hat, beweist wohl am besten, dass David Mitchell auch diesen schwierigen Spagat mit den besten Haltungsnoten gemeistert hat.

Service

David Mitchell, "Die Knochenuhren", Roman, aus dem Englischen von Volker Oldenburg, Rowohlt
Originaltitel: "The Bone Clocks"

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