Traubenzucker-Packerln

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Ein kollektives Generationen-Puzzle

Wir wollten die "Generation Ö1" kennenlernen und haben alle Ö1 Club-Mitglieder, die selbst vor fünfzig Jahren, 1967, das Licht der Welt erblickten, eingeladen, mit uns Ihre Gedanken zu teilen. Welche Schlüsselerfahrungen Sie bewegen und bewegten, wollten wir wissen: Beim Musikhören, beim Lesen, beim Radiohören und der Nutzung anderer Medien, bei Studium und Arbeit, politischem Engagement, mit Familie und Freunden, beim Reisen und im Alltag. Mit Ihrer Hilfe sollte ein kollektives Generationen-Puzzle entstehen.

Und hier ist es.

Marcus Doneus, Gitarrist und Reiseleiter

Kindheit: naturnah, viel im Wald, ständig in Bewegung, Unmengen an Büchern aus der örtlichen Bücherei gelesen

Heranwachsen: viel Sport - Turnen, Tennis, Schifahren, im Sommer Ferienjob an des Onkels Tennisanlage in Salzburg, Reisen mit Großmutter nach Portugal, Griechenland, mit Opa an den Wörthersee und nach Jesolo/Venedig - frühe Prägung für späteren Reiseleiterjob

Musik: die schmerzhafte Erkenntnis, dass offenbar die interessantesten Zeiten in Musik und Gesellschaft - Woodstock etc. - bereits vorbei waren, die 70er und 80er Jahre als vergleichsweise eher langweilig empfunden. Späte Rehabilitation dieser Zeit: "Wickie, Slime und Paiper" und die damit verbundene Generations-Identifikation. Das beste Geschenk aller Zeiten - der erste portable Kofferplattenspieler: Alle Platten, die zu bekommen waren, aufgelegt, mit Gitarre und Notizblock danebengesessen und alles runtergehört (Ambros, Springsteen, Cohen, Simon & Garfunkel........) - das meiste davon kann ich auch nach 35 Jahren noch auf Knopfdruck auswendig; erste Gitarrenkompositionen infolge heftigen Liebeskummers - Musik als Therapie erkannt. Ergebnis - mittlerweile 3 Gitarren-Solo-CDs. Großer Freund von Ö3 Musicbox, Axel Corti Schalldämpfer, Dschi-Dschei Wischer etc.; erst in späteren Jahren auf Ö1 gekommen, als die ersten Privatsender auftauchten und zusammen mit Ö3 ein immer unerträglicheres Programm fuhren (hysterische Moderation, ununterbrochene Werbung, Fließband-Hits) Ö1 als ständigen Quell der Freude und der Bildung entdeckt (Jedes Pasticcio - ein kleines Kunstwerk, Spielräume - eine wunderbare Fundgrube....)

Fazit: irgendwie strahlen die 70er und die 80er Jahre immer noch in die Gegenwart nach. Mittlerweile ist es mir ganz recht, dass ich für die Woodstock-Generation zu spät dran war, dafür bleiben mir noch ein paar Jahre mehr an Lern- und Lebenszeit

Zückert-Rupprich Ursula, Wohnassistentin

Also, es ist so: Ich höre ja ganz grundsätzlich gerne zu. Das legt die Nutzung eines Radios nahe. Das Zuhören ist auch ein ziemlich wichtiger Aspekt meiner Arbeit: Ich bin Wohnassistentin und begleite erwachsene Frauen und Männer, die eine Behinderung haben, in ihrem Wohnalltag. Dem Hören und Zuhören folgt dann in der Regel das Tun. Das ist beim Radio Hören auch manchmal so.

Zu meiner -quasi- Radiobiographie ist zu sagen, dass ich als Jugendliche eher wenig Radio gehört habe und wenn, dann Ö3. Meine Eltern hatten ein Restaurant und montags war Ruhetag. Da lief dann den ganzen Tag über das Radio und das war Ö1. Mein Vater liebte das, meine Mutter ertrug es. Ich fand’s eher nervig, weil wenig interessant, aber da muss wohl so etwas wie Vertrautheit entstanden sein.

Heute ertappe ich mich selbst dabei, nach hause zu kommen und gleich einmal das Radio einzuschalten. Es gab Zeiten, da strukturierte Ö1 meinen Tag. Das war, als meine Kinder in der Schule bzw. im Kindergarten waren, das Studium beendet, aber (bezahlte) Arbeit noch nicht gefunden war - eine herrliche Zeit fürs Radio. Damals begann mein Radiotag noch gemeinsam mit meinem Mann mit dem Morgenjournal (heute "muss" er das im Bad allein hören, weil ich nicht schon in aller Frühe mit, in der Regel schlechten Nachrichten konfrontiert werden möchte), dann folgte Pasticcio, das Radiokolleg, Radiogeschichten und natürlich das Mittagsjournal. Am Nachmittag stieg ich dann wieder so ab 17:00 ein.

Für meine Tochter, 22, ist Ö1 Hören, so scheint mir, ein eindeutiges Zeichen fürs endgültige Erwachsensein. Deshalb schiebt sie es noch hinaus und es befremdet sie sehr, dass ihre gleichaltrige Freundin bereits Gefallen daran findet.

Heute, mit meinen sehr unregelmäßigen Arbeitszeiten, muss sich das Radio Hören quasi ebenso flexibel anpassen. Nichtsdestotrotz mag ich es, "gehört" durchzublättern und mir Sendungen auszusuchen, auch wenn ich nur einen Bruchteil davon tatsächlich höre. Ich weiß schon, ich kann manche davon nachhören, aber das will mir nicht gelingen. Ich höre nicht nur gerne zu. Ich bin auch neugierig. Diese Kombination hat mich wohl langfristig bei Ö1 bleiben lassen. Bei der breiten Palette an Themen und Inhalten fühle ich mich gut aufgehoben. Ich erinnere mich z.B. an die begeisterte Erzählung einer an ihrer Masterarbeit schreibenden Studentin über den regelmäßigen Besuch eines Fuchses in einem Wiener Garten. Genauso interessiert kann ich einem Stadtportrait über Sarajevo folgen oder einem Beitrag über die Mondlandung.
Gestern war etwa ein Beitrag über die Vjosa, den letzten wildfließenden Fluss Europas. Nach Albanien will ich schon lange. Das könnte ein nächstes oder übernächstes Reiseziel sein.

Ö1 verdanke ich wunderschöne Musikgenüsse in meiner Hängematte. "Dass etwas so schön ist, dass es kaum auszuhalten ist" oder "mir das Herz übergeht" beim Hören mancher Stücke mag pathetisch oder kitschig klingen. Solche Erlebnisse gab es immer wieder. Musik generell würde ich nahezu als Grundbedürfnis für mich bezeichnen. Ich höre jeden Tag Musik. Meist auch bevor ich zur Arbeit fahre. Das ist mir wirklich wichtig. Einige meiner CDs habe ich erstmals in Ö1 gehört. Titel wanderten auf Klebezettel an meine Kühlschranktür, bis ich sie in meinem bevorzugten Musikgeschäft in Graz erstand. Ich höre immer noch CDs. Neue Technologien gehen einigermaßen spurlos an mir vorüber. Zum 49ten Geburtstag bekam ich einen Plattenspieler, um wieder in den Hörgenuss meiner alten Schallplatten zu kommen.
Ich mag "Langsamkeit" und finde es wichtig, Themen Zeit zu lassen. Das finde ich bei Ö1 wieder, auch wenn es in den letzten Jahren die Tendenz zur Verkürzung von Sendezeiten gegeben hat, die ich bedaure.

Also, ingesamt gibt es doch einiges, das mich mit Ö1 verbindet. Da fühle ich mich gewissermaßen akustisch "daheim". Möge dies noch eine ganz lange Weile andauern! Das wünsche ich mir! Meinen Geburtstag (9.3.) habe ich übrigens mit Familie, Freundinnen und Freunden bei einem Konzert des "Jure Tori Trios" - ein heißer Tipp für die Spielräume - im Kunstgarten in Graz gefeiert. Ein schönes und stimmungsvolles Erlebnis!

Ursula Trummer, Ö1 über die Lebensspanne

Beim Nachdenken fallen mir zwei Worte für OE1 ein: lebensprägend, lebensbegleitend

In einem Pasticcio habe ich meine erste Barockmusik gehört, eine Oboensonate von Jan Dismas Zelenka. Ich sass im Auto meines Freundes, der mich zur Schule brachte, und kam zu spät zum Unterricht, weil ich im Auto sitzen bleiben musste um das Stück zu Ende und den Namen seine Komponisten zu hören.
Das muss im Jahr 1984 oder 1985 gewesen sein. Ab dem Zeitpunkt war ich der Barockmusik verfallen.

Den Freund habe ich im Jahr 2015 geheiratet - für uns beide die zweite Ehe. Für unsere Hochzeitszeremonie haben wir ein Lied einer Sängerin ausgesucht, die ich in den Spielräumen gehört hatte: Sabrina Ascacibar - Das Lied: Butterflies.

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