Elif Shafak

Fethi Karaduman

Erdogans schärfste Kritikerin

Bei den Europäischen Literaturtagen wurde Freitagabend im niederösterreichischen Spitz der Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln an die türkische Schriftstellerin Elif Shafak verliehen. Shafak gilt mit Romanen wie "Der Geruch des Paradieses" nicht nur als international erfolgreichste türkische Autorin, sondern auch als eine der schärfsten Kritikerinnen von Präsident Erdogan.

Morgenjournal | 18 11 2017

Wolfgang Popp

Nationalismus und Sexismus

Elif Shafak hat in ihren Romanen so ziemlich alle Themen aufgegriffen, mit denen man sich in der nationalkonservativen Erdogan-Regierung keine Freunde macht. Vom Völkermord an den Armeniern angefangen bis zum Bestehen auf Frauenrechten. Ihre Fotos wurden deshalb auf der Straße verbrannt und ihre Romanfiguren sogar vor Gericht geschleppt. So skurril ist das alles, dass man eigentlich lachen müsste, nur leider geht einem Land mit der Demokratie als erstes auch sein Humor verloren, sagt Elif Shafak.

Karikaturisten gehören deshalb zum gefährdetsten Berufsstand in der Türkei, ja es reicht schon, auf den Sozialen Medien eine Karikatur gegen den Präsidenten nur zu teilen, um vor Gericht geschleppt zu werden. Besonders zu verlieren haben aber die Frauen, sagt Elif Shafak, weil ein Erstarken des Nationalismus gewöhnlich mit einer Zunahme an Sexismus einhergeht.

Sexuelle Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum sei im gesamten Nahen Osten ein Problem, fährt Shafak fort. Im türkischen Konya wurden deshalb rosafarbene Busse eingeführt, die nur von Frauen benützt werden dürfen - der falsche Weg, so Elif Shafak, weil dadurch die Trennung zwischen den Geschlechtern noch verstärkt wird.

Europäische Perspektiven gesucht

Schlecht bestellt ist es derzeit in der Türkei auch mit der Toleranz gegenüber anderen Religionen. Ein Problem, das sich auch noch verschärfen wird, so Shafak, weil die Anzahl der religiösen Schulen stark zugenommen hat.

Auch das christliche Weihnachtsfest wird von fundamentalistischen Kreisen angefeindet, was mittlerweile dazu geführt hat, dass sozialdemokratische Bürgermeister in der Türkei in ihren Städten Weihnachtsdekorationen als Zeichen für ihre Weltoffenheit aufhängen lassen.

Diese Köpfe und die türkische Zivilgesellschaft, so Shafak in ihrem Plädoyer, suchten dringend den Kontakt mit Europa. Und nicht nur auf offiziell-politischer Ebene. Gerade weil Präsident Erdogan Europa den Rücken zugekehrt hat.

Kulturjournal | 20 11 2017

Ein Leitmotiv der am Sonntag zu Ende gegangen Literaturtage war die Angst. Um die Angst in der Gesellschaft ging es da genauso wie um die Angst des Schriftstellers. Die Autoren, unter ihnen der slowenische Dichter, Romancier und Essayist Ales Steger oder der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudis diskutierten über "Verlassene Welten" oder die "Wunden unserer Zeit".
Wolfgang Popp

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