Bestrickter Böller

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Handarbeiten für die Seele

Hand und Hirn haben einander in der Evolution wechselseitig beeinflusst und händische Tätigkeiten wirken sich auf den Zustand und die Aktivität unseres Gehirns aus.

"Der Auslöser meiner Strickkünste war die Geburt meiner Nichte", erzählt Lutz Staacke, der im Hauptberuf den Social-Media-Auftritt eines großen Medienunternehmens koordiniert. "Meine 60-jährige Tante brachte eine selbst gestrickte Rassel mit und sagte, sie hätte die Anleitung auf YouTube gefunden. Das fand ich faszinierend, weil ich daran noch nie gedacht hatte, obwohl ich so viel im Internet bin."

Lutz Staacke strickte kurzerhand einen Schal für seine Mutter und rief 2012 den Blog Maleknitting ins Leben. 2006 begründete die US-Amerikanerin Kate Jacobs mit The Friday Night Knitting Club (deutscher Titel: Die Maschen der Frauen) ein eigenes Genre: die "Knit-Lit".

Aus einem Handwerk, das im 16. Jahrhundert - überwiegend von Männern ausgeübt - zu den Zünften gehörte und seit der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts zu den häuslichen Tätigkeiten der Frauen zählte, ist eine Modeerscheinung geworden, die quer durch alle Alters- und Bildungsschichten Zulauf findet.


Warum tun sich die Leute das an? Für Lutz Staacke ist die Antwort einfach: Egal, wie viele Facebook-Auftritte er konzipiert und wie viele Mails er losschickt, am Ende des Tages hält er nichts in der Hand. Nicht einmal einen Brief, den er in den Postkasten werfen könnte. Das kompensiert er beispielsweise mit "Tatort-Socken", die während des Fernsehkonsums entstehen und über die er sich ständig mit der Community austauscht. Am Ende kann er sie über die Füße ziehen oder verschenken.


Womit wir bei den Händen wären: Der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer bestätigt, dass sich die Entwicklung der Hände und des Hirns in der menschlichen Evolution wechselseitig beeinflusst haben. Die Beobachtung der Aktivität einzelner Hirnregionen mittels MRT (Magnetresonanztomografie) ermöglichte die Lokalisierung einer Ausbuchtung der Ganglien, des sogenannten Handknopfes. Er repräsentiert den motorischen Handbereich, ist also aktiv, wenn wir mit den Händen werken, klatschen, tasten, streicheln oder zuschlagen und ist in den neuroanatomischen Strukturen keiner einzigen Tierart, nicht einmal der Primaten, nachweisbar.

Vor allem während der Entwicklung, etwa bis zum 25. Lebensjahr, profitiert das Gehirn von händischer Feinarbeit. Wobei es natürlich nicht Stricken sein muss. Manfred Spitzer zitiert eine Studie, der zufolge die Träger/innen des Nobelpreises für Mathematik in ihrer Kindheit überproportional viel mit Bauklötzen gespielt haben.

Nicht weniger imposant ist der Einfluss händischer Betätigung auf unser Wohlbefinden, sowohl seelisch als auch körperlich. Lutz Staacke kann ihn routinemäßig am Pulsmessgerät an seinem Handgelenk ablesen. Stricken entspannt. Ein Umstand, den sich die Ergotherapie zunutze macht.

Im Pflegewohnhaus Donaustadt unterstützt die Ergotherapeutin Uta Fischer Menschen, die durch ein hohes Alter, Erkrankungen oder Unfälle Aktivitätseinbußen hinnehmen mussten, bei der Wiedergewinnung verloren geglaubter Fähigkeiten. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass repetitive Tätigkeiten auf die meisten Patienten und Patientinnen beruhigend wirken, weil die Vorhersagbarkeit der wiederholten Aktivitäts-Ergebnis-Einheiten Sicherheit vermittelt.

Zugleich versetzen sie unser Hirn aber auch in einen Zustand entspannter Aufmerksamkeit, der beim untätigen Meditieren viel schwerer zu erreichen ist und bisweilen kreative Eingebungen begünstigt.

Die Lyrikerin Christine Lavant, die lange Zeit nur durch Strickarbeit ein karges Auskommen fand, schrieb 1962 an ihren Förderer, den Rechtsanwalt und Dichter Gerhard Deesen: "Während ich stricke und lese, döst mein Wesentliches so dahin, das heißt: im Brustkern denkt es unartikuliert in Bilderfolgen vor sich hin, manchmal von dem, was ich lese, beeinflusst, aber nicht immer."

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