Robert Schindel

Robert Schindel (c) ORF/JOSEPH SCHIMMER

Wo Literatur beginnt - der Schreibtisch als Tatort

Der eine überwindet seine Schreibblockade nur am Kaffeehaustisch oder inmitten eines Papierstapel-Chaos, die andere braucht einen akribisch aufgeräumten Arbeitsplatz, um kreativ sein zu können. Wer von der Schriftstellerei lebt, für den ist der Schreibtisch - das richtige Setting - die Existenzgrundlage. Und das Arbeitswerkzeug der wichtigste Begleiter. Autorinnen und Literaten über ihre Arbeitsumgebung und die Orte und Situationen des Schreibens.

"Ich laufe gern. Meistens komme ich in einen Rhythmus, der mich zum Schreiben bringt. Ich schreibe laufend", sagt die 27-jährige Lucia Leidenfrost, die kürzlich ihren ersten Erzählband veröffentlichte. Als Schreiborte bezeichnet die gebürtige Oberösterreicherin jene Orte, an denen ihre Texte zunächst im Kopf entstehen.

Die Vögel sind in ihrem Kopf gekreist. Krähen, Möwen und andere Singvögel.

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Lucia Leidenfrost im Mannheimer Waldpark

Als Kind zog es sie dafür in die verlassenen Bauernstadl ihres Heimatorts. Im süddeutschen Mannheim, wo sie seit 2014 lebt, sucht sie an freien Nachmittagen den Waldpark und die Reiß-Insel auf. In dem Vogelschutzgebiet ist es sumpfig-feucht. Silberpappeln spiegeln sich im dunklen Wasser der Altarme. Über eine Obstbaumwiese geht es zur Lieblingsstelle am Rheinufer. Hier lassen sich die vorbeigleitenden Lastkähne beobachten. Und die Industriefassaden auf der anderen Seite des Flusses. Das Laufen in der Natur befreit die Gedanken, findet Lucia Leidenfrost. Joggend dreht und wendet sie einen Satz so lange bis er entspricht und im Gedächtnis bleibt. Schließlich den zweiten und dritten. Ist der Kopf mit Worten voll, kehrt sie an ihren Schreibtisch zurück.

"Mein Schreibe-, mein Last-Maultier.
Daß du nicht zusammenbrachst mir,
Den mit Traum auf Traum ich belud,
Hab Dank du, der trug und trug."

schrieb die russische Dichterin Marina Zwetajewa Anfang des 20. Jahrhunderts über oder besser gesagt an ihren Schreibtisch. Ein nahezu unentbehrliches Objekt für Schriftsteller. Doch für Frauen war ein Platz zum Schreiben nicht immer selbstverständlich. Marina Zwetajewa improvisierte in den Wirren von erstem Weltkrieg und Oktoberrevolution, sah ihn im Küchen-, Billard-, oder Ladentisch. Selbst den Baumstumpf zog sie in Betracht. Energischer ihre englische Kollegin Virginia Woolf: "Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können" forderte sie 1928 in ihrem berühmten Essay "A room of my own". Ein Apell an die Freiheit Schriftstellerin zu sein, neben den Rollen als Ehefrau und Mutter.

Karin Peschka am Wiener Westbahnhof (c) ORF/JOSEPH SCHIMMER

Alles bei mir war nicht geplant.

Von wechselnden Schreiborten zwischen Umzügen, Brotjobs und Stipendien können viele Schriftsteller erzählen. Die oberösterreichische Autorin Karin Peschka nimmt es gelassen. Sie schreibt gerne im Zug. Genauso wie unter dem Apfelbaum im Garten ihrer Eltern. Nächstes Frühjahr wird sie als Stadtschreiberin Klagenfurt erkunden. Der Apfelbaum muss dann einen Sommer lang auf sie warten.

Auf die Frage, wie viel Platz sie zum Schreiben braucht zeichnet Lucia Leidenfrost den Umfang ihres Laptops in die Luft. Ein schmaler Massivholztisch, ihr langjähriger Begleiter, steht im Schlafzimmer an der Wand. Das Fenster lässt er links liegen. Lucia Leidenfrost mag die warme Ausstrahlung von Holz und Dachschrägen in ihrem Mannheimer Zuhause. Nur ein einziges Mal ließ sich in einer Wohnung kein geeigneter Platz zum Schreiben finden. Damals zog sie um.

Peter Rosei

Auch der Schriftsteller Peter Rosei braucht an seinem kargen Schreibtisch kaum mehr Platz als ein Laptop einnimmt - und eine Glaskugel, um lose Blätter zu beschweren oder Bücher offen zu halten.

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Ob akribisch aufgeräumt oder in kreativem Chaos – der wichtigste Ort für Schriftsteller bleibt wohl der Schreibtisch. Allerdings inspirierte er schon die Kaffeehaus-Literaten nicht ausreichend. Thomas Bernhard, Peter Altenberg oder Karl Kraus schrieben bevorzugt bei Melange und Geschirrgeklapper.

Auch dem Wiener Autor Robert Schindel, Jahrgang 44, behagt die geschäftige Gastlichkeit mehr als die eigenen vier Wände.
Sein Roman "der Kalte" entstand im Café Prückel gegenüber vom Stadtpark. Punkt 10 Uhr, an angestammtem Platz. Denn das Schreiben erfordert neben einem schönen Ort vor allem Disziplin.

Text: Bea Sommersguter und Shenja Mannstein