Deborah Levy

AFP/DANIEL LEAL-OLIVAS

"Heiße Milch" von Deborah Levy

In ihrem Roman "Heiße Milch" erzählt Deborah Levy die packende Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung im südspanischen Andalusien. 2016 stand das Buch auf der Shortlist zum Man Booker Prize.

Morgenjournal | 15 02 2018

"Ein unheimlicher Grundton, der einen beim Lesen nicht loslässt."
Wolfgang Popp

Kulturjournal | 15 02 | Interview

Allein unter der Sonne

Die Provinz Almeria in Südspanien. Die Strände von Touristen überlaufen, das Hinterland aber so karg, dass Sergio Leone in den 60er Jahren hier seine Kultwestern drehte. Deborah Levy: "Almeria liegt in einer Wüstenlandschaft, aber auch am Meer. Für meine 25-jährige Protagonistin, die sich sehr klein und verloren fühlt, wollte ich einen Ort, der eine Weite hat, mit einem verrückt großen Sternenhimmel und den Geräuschen wilder Tiere in der Nacht. Diese Weite macht zwar, dass sie sich noch kleiner und einsamer fühlt, gleichzeitig hilft sie ihr aber auch, klarer zu denken und herauszufinden, worum es ihr in ihrem Leben wirklich geht."

Mythologie und Hypochondrie

Sofia, so der Name der jungen Frau, hat ihr Anthropologiestudium abgebrochen, geht Liebschaften ein und leidet unter den schmerzhaften Quallenstichen, die sie sich beim Schwimmen zugezogen hat. Die Qualle im wissenschaftlichen Sprachgebrauch auch Medusa, und damit benannt nach der schlangenhäuptigen Gorgone, die jeden durch ihren Blick zu Stein erstarren lassen konnte, ist bei weitem nicht die einzige Anspielung im Buch auf die griechische Mythologie.

Diese Querverweise sorgen für eine ganz eigene, fast magisch-realistische Stimmung, in dieser angespannten Mutter-Tochter-Beziehung. Der Grund für die Anspannung und auch für die Reise der beiden Frauen in den Süden Spaniens sind die rätselhaften Lähmungserscheinungen in den Beinen, unter denen die Mutter leidet.

"Es geht in dem Roman um Hypochondrie, deshalb interessierte mich alles rund um das Phänomen der Psychosomatik", sagt Deborah Levy. "Was ist eingebildet, was ist echt? Und dann herrschte im Zuge der Finanzkrise plötzlich diese seltsame Sprache in den Medien: Da war von der Übertragung von Schulden die Rede, gerade so als ob sie wie eine Krankheit ansteckend wären. Und was die Heilung betraf, sprach man von der bitteren Pille der Austerität. Und diese Sprache und diese Metaphern habe ich in meinen Roman einfließen lassen."

Weiser oder Narr

Heilung erhofft sich die Mutter in einer Spezialklinik, die von einem mysteriösen Doktor Gomez geleitet wird. Der greift zu einigen dubiosen Behandlungsmethoden, lässt die Mutter etwa eine Liste mit all ihren Ängsten erstellen und zwingt sie, die ihr bisher verordneten Medikamente wegzuwerfen.

Deborah Levy: "Er hat etwas von einem Schamanen, gleichzeitig ist er aber auch ein ganz geradliniger und angesehener Mediziner. Und mit dieser Ambivalenz soll sich der Leser beschäftigen. Damit, ob dieser Doktor Gomez jetzt ein Quacksalber, ein Betrüger oder tatsächlich ein besonders wissender Mann ist. So ist es doch häufig im Leben, dass uns Menschen begegnen, bei denen wir uns fragen, sind die jetzt außergewöhnlich klug oder außergewöhnlich verrückt. Ich glaube ja, dass jeder Weise auch etwas von einem Narren hat."

"Du bist meine Inspiration und mein Ungeheuer", flüstert ihre Geliebte Sofia einmal zu und gleiches lässt sich auch vom Roman "Heiße Milch" sagen, mit Sätzen auf jeder Seite, die einen zum Grübeln bringen und einem unheimlichen Grundton, der einen beim Lesen nicht loslässt.

Service

Deborah Levy, "Heiße Milch", Roman, aus dem Englischen von Barbara Schaden, Kiepenheuer & Witsch. Originaltitel: "Hot Milk"

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